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Die Welt ist digitaler als die New York Times

In Deutschland schaut die Medienbranche gerne auf die Vorbilder aus den USA. In der deutschen Hauptstadt sitzt dagegen ein Medienunternehmen, das bereits die Schritte gegangen ist, die etwa bei der New York Times noch anstehen. Ja noch mehr, denn „Die Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters machte auf dem Frankfurter Tag des Onlinejournalismus beim Hessischen Rundfunk deutlich, die New York Times könnte von den Berlinern noch etwas lernen. Warum?

In dem viel diskutierten Innovation Report des US-amerikanischen Platzhirschen heißt es, der Newsroom der New York Times müsse sich hin zu einem Digital First Newsroom entwickeln. Als Teilschritt wurde notiert, die bestehende Mauer („The Wall“) zwischen einem Teil des Verlags und dem Newsroom müsse eingerissen werden. Derzeit gebe es eine Trennung von „Church and State“, die nicht zielführend sei. Stattdessen sei es notwendig, dass Verlagsbereiche mit dem Newsroom zusammenarbeiten, die für ein besseres Nutzererlebnis auf den Digitalangeboten sorgen. Das gelte auch für die Verlagsmitarbeiter, die die aktuellen Daten der digitalen Angebote analysieren. Ebenso für die, die sich mit der Frage auseinandersetzen: Wer sind eigentlich diese Nutzer und was bewegt sie?

Nur noch zwölf Redakteure machen „Die Welt“

Jan-Eric Peters - Chefredakteur von Die Welt

Jan-Eric Peters | Foto: Martin Krauß

Nun der Blick zur Welt-Gruppe nach Berlin: „Nur sehr wenige Redakteure arbeiteten für die Webseite“, erinnert sich Chefredakteur Peters. Das war 2002. Damals habe es zwei Zeitungen (Die Welt, Die Welt am Sonntag) gegeben und eben eine Webseite. Heute im Jahr 2014 werde die gedruckte „Die Welt“ nur noch von zwölf Redakteuren gemacht. „Die Kollegen bedienen sich wie an einem Buffet, dürfen aber keine Extragerichte bestellen oder anfangen selbst zu kochen“, erklärt Peters.

Die Inhalte werden für die Digitalkanäle produziert und dort ausgespielt. Die Tageszeitung wird dann auf Basis dieser Artikel, dieses Buffets, bestückt. Aufträge für eigene Geschichten dürfen die Tageszeitungsredakteure jedoch nicht geben. „Ein Newsroom – drei Geschwindigkeiten“, so der Slogan. Es gebe ein Tripel Play aus Digital, Print und TV – bei letzterem kommt der Kauf des Fernsehsenders N24 zum tragen. Hier sei der Integrationsprozess auch noch nicht abgeschlossen.

Seit dem Umzug in den neuen Newsroom im vergangenen Jahr werden alle Online-Aktivitäten zentral von einem Bereich gesteuert, den Peters das „Auge“ nennt. Dort sitzen neben dem Chefredakteur beziehungsweise dessen Stellvertreter, die Ressortleiter, aber „auch jemand, der die aktuellen Daten analysiert“. Ebenso ist dort ein Mitarbeiter „aus der Produktenwicklung, also jemand der coden kann,“ platziert. „Das gab’s vorher noch nicht“, kommentiert der Welt-Chefredakteur.

„Außergewöhnliche Schritte“ haben „Die Welt“ vorangebracht

Wie kam es dazu? „Unsere wirtschaftliche Situation war 2002 schlecht“, sagt Peters. Es sei den Verantwortlichen jedoch bewusst gewesen, dass sie „außergewöhnliche Schritte“ gehen müssen, um das Ruder herumzureißen. Peters macht das an einem Beispiel fest: Während das Gros der Branche erst einmal abwarten wollte, was dieses iPad eigentlich sei, habe man sich bei der Welt dafür entschieden, eine Nachrichtenapp zu entwickeln. Dieses Knowhow zahle sich heute noch aus, die Welt-Gruppe stehe wirtschaftlich, wie publizistisch gut da.

In der Tat, gestern Vormittag teilte die Axel Springer SE mit, die Welt habe 52.672 digitale Abonnenten. „Echte Abonnenten“ und „neue Abonennten“ nennt Peters das. Das seien digitale Abonnenten, die auf die etwas über 100.000 Printabonnenten noch oben drauf kämen. Auch die erst vor Kurzem gestartete iPhone-App „Kompakt“ laufe gut. Diese sei „fantastisch eingeschlagen“, freut sich der Chefredakteur. Die App sei im Appstore tagelang auf Platz eins zu finden gewesen. Eine erste Bilanz: viele Downloads und viele, die die App nutzen. Genaues gab es in Frankfurt aber nicht zu hören.

„Die Welt“ hat ihren Newsroom stetig weiterentwickelt

Begonnen haben die Veränderungen bei der Tageszeitung aus dem Axel-Springer-Haus im Jahr 2002. Damals wurde dort ein „Multi-Paper-Newsroom“ eingerichtet. „One Story, all Media“, war laut Peters damals das Schlagwort. Einen Inhalt mehrfach zu nutzen, für verschiedene Produkte – das war die Idee hinter dem neuen Konzept. Es sollten „nicht viele Geschichten zu einem Thema“ gemacht werden, „sondern eine Geschichte, die beste.“ Die Newsrooms von Die Welt und Berliner Morgenpost wurden fusioniert. Heute sei es so, dass manche Geschichten in bis zu zehn unterschiedlichen Formaten erscheinen.

Im Jahr 2006 wurde aus dem „Multi-Paper-Newsroom“ ein voll integrierter Newsroom. Zudem wurde „Online first“ als Devise ausgegeben. Fortan verantwortete ein Chefredakteur alle Angebote, die in dem Newsroom produziert wurden. Es gab nur noch einen Ressortleiter Politik, einen Ressortleiter Wirtschaft und so weiter. Eine Redaktion – alle Medien, war das Ziel. „Ich halte diese Trennung fast schon für absurd, wenn nicht für einen Fehler“, sagte Peters mit Blick auf die noch immer bestehende Trennung von Online und Print in vielen anderen Medienhäusern. Doch auch „Online first“ habe noch nicht den Durchbruch gebracht. „Die Geschichten, die wir online gestellt hatten, waren eigentlich Printgeschichten“, so Peters.

Online to print – „Die Welt“ macht es anders

2012 habe man daher das Motto „Online to print“ herausgegeben. Künftig sollte über die „Second Hour Geschichte“ statt über den Dreh für den übernächsten Tag in der Zeitung nachgedacht werden. „Wer in der digitalen Welt erfolgreich sein will, muss mit den Abläufen der Zeitungswelt brechen“, erklärt Peters. Print und Online müssten zwingend zusammengedacht werden: „Man macht ja die Geschichte für die Marke und nicht für einen bestimmten Kanal.“ Der neue Newsroom sei dann eine „ganz entscheidende Veränderung“ gewesen, da dadurch auch mental die neue Redaktionsstruktur deutlich gemacht werden konnte.

„Eine Politikredaktion hat früher nicht jeden Tag mit der Infografik gesprochen. Das passiert jetzt aber“, berichtet der Chefredakteur. Wichtig sei gewesen, dass der Leser von den internen Umstrukturierungen nichts mitbekommen habe. Wichtig sei aber auch gewesen, dass die technischen Voraussetzungen stimmen. Zwei Jahre sei am Redaktionssystem gearbeitet worden. Man müsse Mut haben, auch liebgewonnenes loszulassen. Aber auch Die Welt sei „noch nicht am Ziel“.

„Evolution reicht nicht!“

„Digitale Transformation ist kein Sprint, sondern ein Marathon“, hebt der Berliner Chefredakteur der blauen Gruppe bei Axel Springer hervor. „Evolution reicht nicht!“, steht auf seiner Präsentationsfolie. Peters erklärt: „Wir sind gerade dabei, haben das auch schon online, unser Mobilangebot zu verbessern.“ Zudem werde man auch bald die Homepage angehen.

"Die Welt" - Chefredakteur Jan-Eric Peters

„Die Welt“ – Chefredakteur Jan-Eric Peters auf dem Frankfurter Tag des Online-Journalismus | Foto: Martin Krauß

Über Probleme, die die New York Times in ihrem Innovation Report beschreibt, kann Jan-Eric Peters angesichts der stetigen Weiterentwicklung seiner Redaktion guten Gewissens lächeln. Auch, wenn er sich beim Frankfurter Tag des Onlinejournalismus nicht zu den Kollegen aus New York äußert, die Berliner scheinen bereits Antworten auf deren offene Fragen gefunden zu haben.

In New York bleibt es vorerst dabei: Die Zeitung schafft es nicht die eigenen Inhalte an die Leser zu bringen. Ein Team soll dort Projekte evaluieren und die Learnings daraus als Empfehlungen an die Chefredaktion weitergeben. Bei der Einstellungspolitik der NY Times sollen künftig digitale Talente besonders beachtet werden. All das steht im Innovation Report der altehrwürdigen New York Times.

Peters hat seine Redaktion stetig weiterentwickelt und dabei von den Erfahrungen der einzelnen Schritte profitiert und gelernt. Digitale Talente bekommt Die Welt von der Axel Springer Akademie oder von außen. Im Auge – dem Zentrum des Newsrooms in Berlin – sitzen nicht nur die inhaltlich Verantwortlichen, sondern auch Verantwortliche für Mobile und Social Media. Die Herren Sulzberger (Junior und Senior) aus New York sollten bei Peters und Döpfner einmal vorsprechen und das besser bald.

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Autor:

Martin arbeitet als freier Journalist, ist studierter Online-Journalist (B. A.) und beschäftigt sich im Masterstudiengang Medienentwicklung mit der Konzeption von Medien sowie mit der Anpassung von Redaktionsstrukturen. Die Zukunft der Medienlandschaft und des Journalismus gehören zu seinen Interessengebieten, so auch die Integration sozialer Medien in journalistischen Redaktionen. Martin arbeitet seit Oktober 2011 für YOUdaz Media.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ist dieser Kerl ein arroganter Schnösel! Hat – wie sein Oberstleutnant Döpfner – anscheinend nicht begriffen, dass es längst nicht mehr darauf ankommt, wie Redaktionen organisiert sind, sondern auf das, was sie produzieren. Online oder Print? Was für eine altmodische Frage! Bei uns in Frankreich gibt es u.a. eine (gedruckte) Tageszeitung, die als Ableger der Newssite lopinion.fr an den Kiosken ist. Es kommt doch auf Content an. Und da ist die NYT der mickrigen Welt um Lichtjahre überlegen, sowohl was die produzierte Quantität, aber vor allem auch, was die journalistische Qualität angeht. Möchte mal einen Welt-Artikel lesen, für den der Schreiber mehr als einen Vormittag lang hat recherchieren dürfen. Die NYT lässt manche Reporter monatelang, manchmal sogar jahrelang recherchieren, bevor eine Zeile im Blatt oder auf der Site erscheint. Näher bei uns sehen wir an der Daily Mail (über 600 Online-Redakteure) und am Guardian, wie weit die Welt noch hinter dem Mond ist. Mit ihrem graugehäkelten Zeitungslayout und der Website im Look der 90er Jahre dürfen die Herren Döpfner und Peters vor allem vom Guardian noch sehr viel lernen, bevor sie gegen die NYT anstinken können. Mein Gott, wie kleinkariert das doch alles ist!

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    • Danke für deinen Kommentar. Aber sei beim nächsten Mal doch bitte so lieb, etwas gemäßigtere Worte zu verwenden

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  2. Wie ich sagte: …kleinkariert. Deshalb braucht es manchmal etwas entmäßigtere Worte. Nix für ungut, ich entschuldige mich hiermit – virtuell.

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