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10 Impulse für die Medienbranche

Es tut sich international ja viel in puncto Medienentwicklung und neue Ideen für den Journalismus. In Deutschland geht es da gemächlicher zu. Wir brauchen jedoch mehr Mut, mehr Wagnis – können dabei aber auch noch lernen. Die folgenden zehn Impulse für die Medienbranche sollen ein Ansporn sein und als Inspiration dienen.

1. Wir erzählen nicht bloß Geschichten!

„Ich hab da mal eben ne Geschichte recherchiert und geschrieben.“ – Der Satz kommt euch aus eurem Redaktionsalltag bekannt vor? Damit machen wir Journalisten unsere Arbeit gleich doppelt klein. Mal eben recherchiert – also so ganz nebenbei. Das war doch kein Aufwand! Kein Wunder, dass wir uns dann auch mal eben wegrationalisieren lassen. Natürlich. Ist doch alles kein Problem.

Und dann ist da noch die Geschichte, die wir recherchiert und geschrieben haben: Wir sind also Geschichtenerzähler? Unsere Beiträge sind also kleine, niedliche Dinge, die wir mal eben so in einer Märchenstunde vortragen? – Selbst Schuld, wenn wir uns unsere Arbeit klein und bedeutungslos machen.

Wir sind keine Geschichtenerzähler. Unsere Arbeit liefert den Menschen eine Entscheidungsgrundlage und ermöglicht Einblicke in Lebenswelten, die diese in ihrem Alltag nicht so einfach bekommen. Sie können sich dadurch ein Bild über das reale Geschehen machen und erhalten zugleich Denkanstöße von uns.

2. Wir dürfen auch Ideen haben und umsetzen!

Jeder von uns hat irgendwann einmal eine Idee für einen Beitrag, eine Serie, ein Medienangebot, ein Projekt oder Ideen für Verbesserungen am bestehenden Angebot. Wenn die Manager und Verleger uns dafür keinen Raum geben, sollten wir uns diesen Raum selbst schaffen. Die Erfolge der Zukunft entstehen nicht durch das Verharren in der Gegenwart. Manchmal muss es auch ein unabhängiges Projekt sein,  um weiterzukommen.

Wir Journalisten sind das Potential für die Erfolge der Verlage. Diese würden profitieren, wenn wir nur einen Tag in der Woche dafür hätten, unsere eigenen Ideen zu verfolgen. Wenn eine Idee kommt, heißt es: notieren, reifen lassen, umsetzen, verbessern.

3. Wir dürfen scheitern!

Das Risiko für zu viel Geld die falsche, teure Druckerpresse erworben zu haben, ist heute viel geringer als noch vor ein paar Jahren. Gerade im Online-Bereich lässt sich vieles auch mit kleinen Budgets in einer Experimentierphase – nennt es meinetwegen Innovationsphase – ausprobieren.

Wenn etwas langfristig nicht funktioniert oder doch nicht zum eigenen Unternehmen passt, können Verlage sich immer noch davon trennen. Entweder wir scheitern, das Projekt wird eingestellt und wir lernen aus unseren Fehlern oder wir haben Erfolg. Dann lässt sich das Projekt entweder vo­r­an­trei­ben oder gewinnbringend veräußern. Scheitern und Ausprobieren müssten eigentlich schon längst zum Handwerkszeug in der Branche zählen.

4. Wir dürfen nicht bloß Altes reproduzieren!

2010 kam das iPad. Es folgten zahlreiche Apps – auch von der Verlagsbranche. Jetzt könnte ich sagen: Die Verlage waren mutig und haben sich getraut, auf den neuen Vertriebsweg zu setzen. Aber haben die Verlage dabei wirklich etwas Neues gewagt? Die zahlreichen ePaper-Apps, die nichts anderes als eine billige digitale Kopie des gedruckten Produkts sind, deuten in eine andere Richtung. Auch die Apps, die ihre Printinhalte durch zusätzliche multimediale Inhalte anreichern, können nicht gerade als etwas grundlegend Neues bezeichnet werden. Die Idee Print mit Bewegtbild oder Ton zu kombinieren gab es bereits für den Online-Journalismus.

Etwas zu konzipieren, was sich voll und ganz an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der neuen Technik orientiert, war bisher nicht die Devise. Gut konzipierte und aufwendig produzierte Apps, die abseits des Tagesgeschehens auf sich mittelfristig refinanzierende Inhalte setzen, werden gebraucht. Die Verlage klammern sich jedoch auch im Digitalen an der täglichen Zeitung, dem wöchentlichen Magazin, fest. Das sind Pakete, die sich nur in einem sehr kleinen Zeitraum refinanzieren können. Weil es etwas kostet, Neues zu wagen, bleibt es im Journalismus häufig doch beim Alten. Dabei könnten sich die verschiedenen Apps gut ergänzen.

5. Wir müssen uns von liebgewonnenen Denkmustern trennen!

Während nicht viele Menschen drei oder vier Zeitungen gedruckt abonniert haben, sind mehrere Zeitungs- und Magazin-Apps keine Seltenheit auf den Tablet-Computern. Zeit, die alten Bündel zu überdenken. Aus dem Online-Journalismus kennen wir die Rezeption einzelner ausgewählter Artikel von unterschiedlichen Nachrichtenangeboten bereits. Wieso glauben wir, dass die digitalen Tablets nun wie Printprodukte genutzt werden?

Warum bieten wir nicht auch dort an, einzelne Beiträge (z.B. das Spiegel-Thema) oder einzelne Seiten oder Themenschwerpunkte zu erwerben? Wenn ich die Olympia-Berichterstattung in einer optisch ansprechenden Form lesen will, noch dazu in einem kuratierten Paket und nicht auf einer Webseite, muss ich dennoch stets Politik, Wirtschaft und Feuilleton dazukaufen.

Zusätzlich kleinere Pakete anzubieten ermöglicht es den Lesern, sich ihre Informationsquellen nach den eigenen Bedürfnissen zusammenzustellen. Das lässt sich auch mit weiteren Bezahlmöglichkeiten ergänzen, wenn die Leser vielleicht doch noch zusätzlich die Politik lesen wollen.

6. Wir sollten von Anderen lernen!

Die Ideen Anderer zu überdenken und zu prüfen, ob sie auch auf die eigene Arbeit übertragen werden können, ist dringend notwendig. Wir schauen neidisch auf Amazons One-Click-Payment-System. Ein einfaches und schnelles Bezahlsystem, das die Nutzer nicht so schnell vergrault. Es hilft nichts, wenn wir uns nur wünschen, so etwas auch für die eigenen Angebote zu haben. Gehen wir es an und übertragen die Ideen auf unsere Branche.

Wenn wir schon an Paketen festhängen, in denen unsere Inhalte gebündelt sind: warum dann nicht von dem Unternehmen Dropbox lernen? Ein kostenfreies Basisangebot liefert nach der Registrierung erste Hintergründe zu den frei verfügbaren schnellen News auf der Webseite. Wenn Leser andere Nutzer zum Beispiel durch Empfehlungen in sozialen Medien dazu bringen, sich ebenfalls zu registrieren, bekommen sie eine höhere Anzahl an Beiträgen freigeschaltet. Die volle Funktionalität der Webseite – etwa das Archiv, exklusive Interviews oder Themendossiers – kann so nach und nach erworben werden. Dazu gibt es ein Angebot mit gestaffelten Paketen und entsprechend angepassten Preisen. Ergänzend können, angelehnt an das Prinzip der Free-to-play-Games, einzelne Elemente, zum Beispiel ein zusätzlicher komfortabler Lesemodus oder eine werbefreie Webseite, gegen eine Gebühr freigeschaltet werden.

7. Wir könnten auch einmal ungewöhnliche Wege gehen!

Von Anderen lernen, das muss nicht nur von Technologiekonzernen sein. Wir sollten auch neue Erzählformen ausprobieren. So können wir Journalisten vielleicht auch neue Konsumenten für unsere Inhalte gewinnen. Statt zu reproduzieren, was die Konkurrenz macht oder wir selbst seit Jahren immer wieder tun, sollten wir ungewöhnliche Wege gehen.

Eignet sich eine Szene, ein Ereignis, vielleicht, um es als Comic aufzubereiten? Warum nicht einmal drüber nachdenken und es ausprobieren? Der Leser einer Zeitung oder eines Magazins würde das nicht von uns erwarten. Bei manchen Themen aus der Hauptstadt oder der internationalen Politik würde sich ein News-Comic als erfrischendes Stilmittel aber durchaus anbieten. Sei es das Gezänke im Kabinett oder einfach eine ungewöhnliche Perspektive auf ein Großereignis. Es wäre anders. Es wäre ungewöhnlich. Es könnte das Interesse der Leser wecken.

8. Wir könnten unsere Nutzer zu den Akteuren machen!

Nein, damit meine ich keine Leserumfragen. Die Reportage ist eine klassische Darstellungsform im Journalismus. Was, wenn wir diese Erzählform weiterdenken? Wir nutzen Elemente des Storytellings, schauen uns etwas bei den Drehbuchautoren in Hollywood und Skandinavien ab und arbeiten mit einem guten Animationsstudio zusammen. Zusammen entwickeln wir ein News-Game, das deutlich über die klassischen Kreuzworträtsel oder Sudokus hinaus geht.

Der Nutzer agiert in der Geschichte, erfährt Fakten in rekonstruierten Szenen, muss selbst Entscheidungen treffen, um die Entwicklungen voranzubringen. Das ist kein Journalismus mehr? Möglicherweise können einige Bereiche des Journalismus auf diesem Weg das Geschehen für bisher unerreichte Zielgruppen präsentieren und einordnen. Diese Bereiche könnten dadurch wieder attraktiv werden.

9. Wir müssen uns von der breiten Zielgruppe verabschieden!

Wir schreiben das Jahr 2014. Es wird Zeit, dass wir die Vielfalt der Informationskanäle auch in den Medienangeboten im Journalismus widerspiegeln. Es wird Zeit, dass wir Abstand nehmen von dem einen Journalismus für alle Nutzergruppen. Zielgruppenorientierte Ansprache ist nicht nur im Hörfunk angesagt. Gerade auch im Digitalen haben wir die Möglichkeit, das umzusetzen. Die Nachrichten bleiben die Gleichen, die Form ihrer Präsentation – etwa die Sprache –  passt sich an. Wenn wir die Sprache der Menschen nicht treffen, erreichen unsere Inhalte auch die Menschen nicht.

Im Fernsehmarkt erleben wir eine zunehmende Aufsplitterung in Spartenkanäle. Im Hörfunk gibt es schon länger die Pop-Welle neben der Kultur-Welle, neben dem Inforadio und dem Schlager-Sender. Warum nicht in der Tageszeitung? Warum nicht bei den digitalen Angeboten für Tablets? Dass hier noch großes Potential vorhanden ist, wurde schon mehrfach im Zeitschriftenmarkt bewiesen.

10. Wir müssen unser Handwerk gut machen!

Genug von allen Veränderungen? Genug von einer Verwässerung des traditionellen und altgedienten Journalismus? Wir sind bei all dem immer nur so gut, wie wir unser Handwerk beherrschen. Den einfachen bequemen Weg dürfen wir im Journalismus nicht wählen. Journalismus ist Arbeit, harte Arbeit. Darum lasst ihn uns gut machen.

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Autor:

Martin arbeitet als freier Journalist, ist studierter Online-Journalist (B. A.) und beschäftigt sich im Masterstudiengang Medienentwicklung mit der Konzeption von Medien sowie mit der Anpassung von Redaktionsstrukturen. Die Zukunft der Medienlandschaft und des Journalismus gehören zu seinen Interessengebieten, so auch die Integration sozialer Medien in journalistischen Redaktionen. Martin arbeitet seit Oktober 2011 für YOUdaz Media.

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