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„Noch zu viele Blogger außen vor“

Die Visualisierung von Deutschlands Blogosphäre – nicht mehr, aber auch nicht weniger  – hat sich Daniel Rehn mit einigen Mitstreitern zum Ziel gesetzt. Seit dem Wochenende gibt das dafür eine Facebook-Gruppe mit dem Titel „Deutschlands Blogger“, die die Datenbasis für das Projekt bildet. Welche Ergebnisse es bereits gibt und welche Probleme noch behoben werden sollen, erklärt Daniel Rehn im YOUdaz.com-Gespräch.

Ihr visualisiert die Verknüpfungen der Gruppenmitglieder auf Facebook in einer Netzwerk-Grafik. Diese Grafiken sehen faszinierend aus, aber welche Aussagen wollt ihr mit der Auswertung treffen?

In erster Linie war ich von Lucas Visualisierung der österreichischen Blogosphäre fasziniert, die er auf Basis einer 400 Mitglieder starken Gruppe mit dem selben Prinzip aufgezogen hatte. Von Neugier getrieben, wie das Ganze auf Deutschland angewandt aussehen würde, gründeten Sabine Sikorski und ich die hiesige Gruppe, um nebenbei auch herauszufinden, ob sich Lucas These, die er aus dem Pendant unserer Nachbarn entwickelte, bestätigt: dass Vernetzung unter Bloggern verstärkt via sozialer Netzwerke stattfindet, während klassische Blog-Elemente wie Blogroll und Co. mehr und mehr aus dem sichtbaren Feld verschwinden oder Feed-Reader in die Timeline verlagert werden.

Könnt ihr denn schon sagen, ob es „die Blogosphäre“, respektive „Netzgemeinde“ gibt, oder wir doch eher viele „Parallel-Gesellschaften“ im Web finden?

Daniel Rehn

Foto: Daniel Rehn

Das kommt darauf an, wie man die Begriffe definiert. Die Blogosphäre als großer Raum oder auch als Oberbegriff, der alle Blogs als Teil einer Bewegung von „Ins-Netz-Schreibern“ versteht, ist definitiv existent.

Da wir aber bislang nur mit einem sehr kleinen Ausschnitt arbeiten, der sich dazu noch auf ein in sich verknüpftes Gruppenkonstrukt in einem geschlossenen Netzwerk bezieht, wäre es vermessen zu sagen, dass man vier Tage nach Start von absoluten Erkenntnissen sprechen könnte. Dafür sind noch zu viele Blogger außen vor, etwa weil sie nicht auf Facebook sind, die Gruppe nicht kennen oder es einfach unangemessen finden sich in einer solchen Visualisierung zu finden, die – und das möchte ich ausdrücklich betonen – absolut nichts über die Liebe und Hingabe, die in ein Blog investiert werden, aussagt oder gar eine Hierarchie darstellen soll. Das ist definitiv nicht das Ziel unserer Überlegungen.

Was man aber bereits sehen kann, sind die vielen Cluster, die sich gemäß der Themenschwerpunkte bilden. Gerade im DIY- und Tech-Bereich kann man schon wunderbar erkennen, dass die Mitglieder dort gemäß ihrer Verbindungen via Facebook extrem stark untereinander vernetzt sind. Ebenso erkennt man einige Personen, von denen man weiß, was sie machen, als Hub oder auch Brücke, die viele Kontakte aus einander nahen Bereichen verbinden. Und dann gibt es natürlich den auf Facebook extrem stark vernetzten Kern an Netz- und Medienmenschen wie Johnny Haeusler, Nico Lumma oder Mario Sixtus, die seit jeher die deutsche Blog-Landschaft bereichern und allein auf Grund ihrer langjährigen Bekanntheit und Aktivität viele Kontakte haben.

Ein Gedankenspiel: Ein Politik-Blogger ist mit einem Modeblogger auf Facebook befreundet, weil sie zusammen studiert haben. Was das Bloggen betrifft, haben beide aber nicht mehr viel miteinander zu tun. Wie löst ihr diese Verzerrung in der Darstellung?

Im Moment? Noch gar nicht. Dazu brauchen wir noch mehr Zeit, vor allem aber die Hilfe der Gruppe, indem es später eine im Detail noch genauere Vermessung im Sinne einer Kategorisierung gibt. Wer sieht sich zum Beispiel als Mode- und wer als Polit-Blogger? Das Problem dabei: Was passiert mit Bloggern, die mehr als nur ein Thema abdecken? Oder mit jenen, die nicht genau wissen, in welche Kategorie sie gemäß ihrer gebloggten Inhalte gehören? Und wird eine Kategorisierung der Blogosphäre und ihren Mitgliedern überhaupt gerecht? Man sieht, da steckt der Teufel im Detail.

Stand jetzt konnte Luca schon die Verknüpfungen nach Geschlecht visualisieren. So sieht man zum Beispiel, ob man mit mehr weiblichen oder männlichen Bloggern aus der Gruppe vernetzt ist, was auch schon spannend anzusehen ist, aber auch die zur Verfügung gestellten Daten der Gruppenmitglieder nutzt.

Was sagt ihr zur Geschlechterverteilug in der Gruppe? Die Frauenquote war in der Politik vergangene Woche ja ein großes Thema. Vernetzen sich die Bloggenden stärker mit dem eigenen Geschlecht?

Da kann ich nur aus den eigenen Beobachtungen der ersten Tage sprechen und würde das bisherige Verhältnis in der Gruppe auf grob 60 Prozent Männer und 40 Prozent Frauen schließen. Innerhalb der Visualisierung sind die blauen Punkte für die Herren dominanter, da stärker vernetzt – mit beiden Geschlechtern. Die alte Leier, dass Männer angeblich die besseren Netzwerker seien oder im Digitalen einfach auch schmerzfreier sind, wen sie in ihr Netzwerk lassen, muss ich dafür nicht anstimmen.

Es ergeben sich aber auch Cluster, die je nach Geschlecht einseitiger erscheinen. Mode, Food und DIY sind von Frauen dominiert und jeder blaue Punkt fällt unter den roten auf, während die Auto- und Tech-Blogger doch eher Männer sind. In den Blogs rund um Kommunikation und Co. hingegen ist es kunterbunt gemischt.

Mehr über Daniel Rehn erfahrt ihr auf elbmelancholie.de in der Reihe „Hamburger im Netz“.

Wäre es in diesem Zusammenhang sinnvoller, die Verbindungen (z.B. Links / Zitate) zwischen Blogs zu analysieren, als die zwischen den größtenteils privaten Facebook-Profilen?

Es würde ein anderes Bild entstehen, ganz klar. Es bedarf aber auch eines größeren Aufwandes, um das wieder abzubilden. Die Gruppe auf Facebook war der einfachste umzusetzende erste Schritt, da es um die Blogger als Person geht. Wie stark vernetzt ihre Inhalte wieder sind und wahrgenommen werden, ist wieder ein anderer Ansatz.

In der Facebook-Gruppe wurden auch Pläne diskutiert, Twitter oder Google+ als Datenquellen zu nutzen. Erhofft ihr euch dadurch eine Verbesserung des Netzwerk-Bildes?

Es würde auf jeden Fall ein Gros der bisherigen Unschärfen verschwinden. Ich bin via Twitter zum Beispiel mit weitaus mehr Bloggern vernetzt denn via Facebook, da ich dort nach Möglichkeit mit Personen befreundet bin, zu denen ich einen persönlichen Bezugspunkt habe. Nicht nur mein Netzwerk würde um die Komponente Twitter erweitert wieder ganz anders aussehen als im Moment.

Es ist aber auch eine Frage der API, die wir dafür anzapfen würden. Twitter bietet eine solche offene Schnittstelle an, Google+ noch nicht. Auch hier braucht es noch Zeit, um das Ganze weiter verfeinern zu können.

Macht euch bei der Visualisierung der Datenschutz keine Sorgen? Immerhin müssen die Facebook-Freunde ja öffentlich sein, um richtig für die Grafik ausgewertet werden zu können.

Innerhalb der Gruppe weisen wir immer wieder darauf hin, dass wir nur auf die Daten zugreifen, die von den Nutzern auch als öffentlich freigegeben sind. Dennoch gibt es auch hier Unschärfen und wunde Stellen, die immer wieder auffallen. Ein Mitglied, das seine Freundesliste privat hält, kann zum Beispiel immer noch gefunden werden, wenn seine ebenfalls in der Gruppe aktiven Kontakte ihre Freundesliste offen führen, da „einseitige“ Beziehungsgeflechte so abgebildet werden.

Nico Kirch hat sich ein paar Gedanken dazu gemacht, wie man in einer Weiterentwicklung auch mit Opt-In-Verfahren und Co. genauer, aber auch sicherer werden kann. Vielleicht schaffen wir es irgendwann das Projekt komplett von Facebook als Basis zu lösen und auf eigene Beine zu stellen, so dass man sich mit seinen Accounts einloggen und das Netzwerk so zur Visualisierung verknüpfen kann. Aber davon sind wir nach Start am letzten Sonntag dann doch noch weit entfernt.

Wie können Bloggende abgebildet werden, die zum Beispiel ein Multiautorenprojekt betreiben – also ein Netzwerk wie YOUdaz.com?

Auch das ist Stand jetzt noch nicht möglich. Angenommen, dass ihr als Autoren allesamt miteinander vernetzt seid, wäre es möglich das abzubilden. Auf welcher Basis dies aber geschieht, bliebe offen, da wir noch keine Zuordnung via URL haben. Das wäre dann mit der angesprochenen eigenständigen Lösung vielleicht machbar, wenn Überschneidungen in den Blogs, für die man schreibt und angegeben hat, sichtbar werden.

Was soll die Zukunft Deutschlands Bloggern bringen?

Eine gute Frage. Ich wünsche mir, dass die lebhafte Vernetzung, die ja bereits zum Teil auch abseits der großen Bühnen besteht, weiterhin gedeiht. Die Leute sollen ihren Spaß am Bloggen behalten, um im Kleinen wie Großen auf ihrer eigenen Basis abseits von wechselnden Netzwerken etwas für sich, andere oder auch die Gesellschaft bewegen zu können. Indem sie inspirieren, diskutieren und daraus resultierend ins Machen kommen, damit deutlich wird, das Bloggen mehr bedeutet als „ins Netz schreiben“.

Vielen Dank für das Gespräch.

 Die Fragen stellten Pascal Tannich, Andreas Grieß und Martin Krauß

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  1. Pingback: #Blognetz – Netzwerke hinter den Blogs | Luca Hammer

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