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Get Fit or Die Tryin‘: Journalismus im Zeitalter von Facebook

Snapchat, Netflix, Persicope – für Medien sind es spannende, bewegte Zeiten. Die neuen digitalen Dienste brechen aber auch mit vielen Gewohnheiten auf der Seite der Nutzer wie auch auf der Seite der Medienmacher. Journalismus im Zeitalter von Facebook – worauf kommt  es an?

„Ich glaube daran, dass die digitale Revolution das Beste ist, was dem Journalismus passieren kann.“ Ein Satz, den man sich angesichts der zahlreichen Klagen über die digitale Medientransformation auf der Zunge zergehen lassen muss. Der Satz stammt von Mathias Müller von Blumencron von der FAZ. Er – wie auch die Journalistin Ulrike Langer – sprachen beim 11. Frankfurter Tag des Online-Journalismus am 12. April 2016 beim Hessischen Rundfunk darüber, wie sich Medien neu erfinden müssen.

Beide sind sich einig, dass die digitale Revolution noch längst nicht am Ende ist. „Vieles, was auf uns zukommt, wirkt heute noch futuristisch“, sagt Langer. Einig sind sich die beiden Medienmacher auch dabei, dass insbesondere ein Gerät im Zentrum der Revolution steht. „Das Smartphone verändert uns schneller als ein Mediengerät je zuvor“, sagt Müller von Blumencron. Aber er warnt in Richtung Journalisten auch: „Wir haben das Teil noch nicht ansatzweise im Griff“.

„Jedes Smartphone ist ein Live-TV-Sender“

Ein Blick in die USA gibt eine Ahnung davon, was Müller von Blumencron meint. „Jedes Smartphone ist ein Live-TV-Sender“, berichtet Langer. Das werde schon allein dadurch deutlich, dass Smartphones in den USA längst seltener horizontal gehalten werden als vertikal. Vertikales Filmen im Porträt-Modus des Smartphones sei dank Snapchat und Periscope längst nicht mehr verpönt.

Im Kampf der Plattformen sei Snapchat in den USA – wo die Entwicklung wegen des größeren Anteils jüngerer Nutzer in der Gesellschaft bereits weiter sei – schon bekannter als Periscope. Twitter sinke dagegen in der Bedeutung – nicht aber Periscope. Als Trend sei absehbar, dass sowohl bei Facebook als auch bei Twitter die Bedeutung der Hauptplattform sinke. Es stimme aber nicht, dass deswegen Twitter und Facebook sterben, weil beide „Unternehmen geschickt zukaufen“.

Facebook gelte in Übersee als das „alte“ Netzwerk. Instagram sei das jüngere Netzwerk und Snapchat das ganz junge Angebot, berichtet Langer. Sie geht fest davon aus, dass sich diese Entwicklung auch in Deutschland so durchsetzt. Das heißt: Wenn auch die Plattform Facebook bei den jungen Nutzern nicht mehr nachgefragt ist, so hat das Unternehmen doch andere Apps, die im Trend liegen und stark genutzt werden.

Medienmacher in der Hand der Big Player in den USA

Müller von Blumencron sieht aber auch die Schattenseiten der Arbeit auf und mit den Plattformen von Facebook, Twitter und Google. „Wie fütterst du das Biest?“, fragt er vor den Zuhörern beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Zutrauliche Biester gäbe es schließlich nur im Film.

„In Wahrheit sind wir nur Zahlen in ihren Kalkulationen. (…) Wir werden derzeit von Mediendiscountern durchgefüttert, aber nicht, weil sie uns lieb haben, sondern weil sie uns brauchen.“

Facebook schraube aber mal wieder am Newsfeed. Die Angst des US-Unternehmens sei laut Müller von Blumencron, dass der private Charakter der Plattform verloren gehe. Die Zahl der privaten Postings sei zurückgegangen, die der Medienseiten dagegen gestiegen. Nun solle das wieder geändert werden, berichtet er. „Das zeigt, dass Facebook uns in der Hand hat“, sagt Müller von Blumencron.

„Um richtig gut zu sein, muss man ein bisschen wahnsinnig sein.“

Aber: „Um richtig gut zu sein in diesem Job, muss man immer schon ein bisschen wahnsinnig sein.“ Medienmacher bräuchten im Umgang mit den Plattformen und den Nutzern mehr Rückgrat und ein verdammt dickes Fell.

Mathias Müller von Blumencron (F.A.Z.) beim FTOJ16

Mathias Müller von Blumencron (FAZ) beim Frankfurter Tag des Online-Journalismus im Hessischen Rundfunk. Foto: Martin Krauß

Journalisten dürfen laut Müller von Blumencron beispielsweise nicht aus Angst vor einem Hatestorm zögerlich sein. Die Wahrheit müsse weiterhin wie bisher publiziert werden, denn so Müller von Blumencron: „Es gibt verdammt viele Leute in diesem Land, die lieber Glauben als Wissen.“ Daher sei Journalismus weiterhin wichtig.

„Wir machen uns zu wenig Gedanken darüber, wann Nutzer unsere Angebote nutzen.“

Unabhängig von Trollen auf Facebook oder in Kommentarspalten, komme es auf zwei Dinge an:

  1. Bei Facebook gehe es nicht primär um News, sondern um Emotionen. Das sei auch die Erklärung dafür, dass Facebook-Nutzer anderen Stoff schätzen, als Nutzer, die die Nachrichtenseite aufrufen. Das müsse man als Medienmacher berücksichtigen.
  2. „Wir machen uns zu wenig Gedanken darüber, wann Nutzer unsere Angebote nutzen“, betont der FAZ-Journalist. „Wir brauchen eine Art situatives Medienangebot: Ein Dienst, der von der Schlagzeile bis zum Longread alles situativ anbietet.“

Ulrike Langers Erfahrung aus den USA weise daraufhin, dass kurze oder lange Inhalte bei der jungen Zielgruppe stark nachgefragt werden. Sie prophezeit: „Für dieses Mittelmaß wird künftig weniger Raum sein.“ Damit meint sie Texte in der Länge um die 5.000 Zeichen (100 bis 500 Worte).

„Wir werden künftig für die Extreme produzieren“ – das sei die Konsequenz aus der Nachfrage kurzer Informationshäppchen einerseits und aufwendig produzierten Inhalten andererseits.


Interesse an mehr vom Frankfurter Tag des Online-Journalismus? Warum Sam Whipple die BBC erfolgreich in die Zukunft gebracht hat und deutsche Medienunternehmen einen Change Coordinator brauchen, hat Martin hier beschrieben.

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Autor:

Martin arbeitet als freier Journalist, ist studierter Online-Journalist (B. A.) und beschäftigt sich im Masterstudiengang Medienentwicklung mit der Konzeption von Medien sowie mit der Anpassung von Redaktionsstrukturen. Die Zukunft der Medienlandschaft und des Journalismus gehören zu seinen Interessengebieten, so auch die Integration sozialer Medien in journalistischen Redaktionen. Martin arbeitet seit Oktober 2011 für YOUdaz Media.

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