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Verlagsunabhängiger Lokaljournalismus: Viel Idealismus, wenig Ideales

Vom Donnerstag (11.06.) bis Samstag (13.06.) war ich in Berlin Teil des Seminars “Challenge accepted! Zukunftsstrategien für hyperlokale Onlinemedien” der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Als Redaktionsleiter und Gründer unseres Lokalmagazins Elbmelancholie diskutierte und arbeitete ich unweit der Gedächtniskirche mit 30 Kollegen aus anderen Ecken der Republik über und zu Anspruch, Profil, Finanzierung und Rolle verlagsunabhängiger Lokaljournalismus-Projekte.

Bereits zum Auftakt machte Journalismus-Professor Volker Lilienthal in einem Impulsreferat, in dem er mich übrigens zitierte, die Fallhöhe deutlich. Im Wesentlichen zusammengefasst: Hyperlokale Blogs können journalistische Lücken füllen, aber auch neue Zugänge zur politischen Meinungsbildung erstmals schaffen. Direkt im Anschluss sorgte Hubert Denk, Gründer des Bürgerblick (Passau) für weitere Aufbruchsstimmung. Er berichtete von seiner Gründungsmotivation sowie publizistischen Erfolgen und sagte: „Ich will das Berufsbild des Journalisten wieder verbessern.“

Volker Lilienthal beim bpb-Seminar "Challange accepted" Bild: Andreas grieß

Volker Lilienthal beim bpb-Seminar „Challange accepted“ Bild: Andreas grieß

In den anschließenden Arbeitsgruppen wurde jedoch bereits deutlich, wie weit Theorie und Praxis, Potential und Status Quo auseinander klaffen. In der Gruppe zur Profilbildung stellten wir uns beziehungsweise unsere Medien alle kurz (oder weniger kurz) vor. Deutlich wurde bei vielen vor allem der jeweilige Mangel: an Manpower, an Geld, an Zeit – doch nie an Ideen. Und das macht es umso schwieriger, weiß man doch, was man alles machen könnte, wenn man nur könnte. Somit waren die Vorträge am Samstag von Christina Elmer (Spiegel Online) und Isabella David (Mittendrin) zwar (wie immer!) inspirierend, aber nicht selten mit dem gleichen Problem verbunden. Die Sehnsucht, das alles mal einfach machen zu können wurde nur noch größer – und umso größer vielleicht auch das Frustpotential.

Henne und Ei: Was braucht es zuerst, Finanzierung oder Qualität?

Nichtsdestotrotz haben wir in unserer Arbeitsgruppe „Zehn Gebote“ für die Profilbildung verfasst. Hier gab es im Wesentlichen Übereinkunft. Die Frage bleibt nur: Inwiefern wird man diesen Geboten im Alltag gerecht? Vorab wurde zum Beispiel bereits deutlich, dass einige sehr wohl denken, ihr Portal mit Pressemitteilungen auffüllen zu müssen- oder es derzeit zumindest noch tun.

Und so stellt sich nach den drei Tagen in Berlin für viele wohl weiter die Frage des Wie und nicht des Was. Viele der anwesenden Lokaljournalisten finanzieren ihr Medium durch Arbeit an anderer Stelle (wie ich zum Beispiel auch). Das mindert freilich mitunter die Qualität, da weniger Zeit zur Verfügung steht. Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich auch deshalb mit Finanzierungsmöglichkeiten. Leider beschränkte man sich dabei auf Leserfinanzierung, von der ich als Königsweg nicht völlig überzeugt bin (mehr dazu warum schreibe ich in der kommenden Ausgabe des mediummagazin). Wenig überraschend konnte die Gruppe keinen Königsweg ausmachen, zeigte jedoch auf, dass es sehr wohl Zahlungsbereitschaft geben kann. Aber die hängt freilich immer auch an der Qualität. Pessimistisch könnte man also denken, dass Qualität und Finanzierung ein Teufelskreis-Dilemma a la Henne und Ei bilden: Was muss zuerst da sein? Was kann überhaupt zuerst da sein?

Qualität mehr raushängen lassen

Auch über Schleichwerbung, ein Thema, über das ich mich zuletzt mehrfach äußerte, wurde gesprochen. Fast alle Beteiligten kannten Beispiele von versteckt oder überhaupt nicht kenntlich gemachten Werbedeals bei Medien, mit denen sie in einer Form des Wettbewerbs stehen. Einige weisen offen darauf hin und empfehlen das auch den anderen Teilnehmern. Andere wiederum ärgern sich über Schleichwerbung, finden aber, dass sie das Problem nicht aktiv bekämpfen können oder sollten. Dass die Mittel dafür begrenzt sind, merkten wir im Gespräch. Doch zwei interessante Möglichkeiten nehme ich aus der Diskussionsrunde zu Schleichwerbung mit: die Schaffung eines neuen Qualitätssiegels „Schleichwerbefrei“ oder die konsequente Unterwerfung unter den Pressekodex inklusive (kostenpflichtiger) Kontrolle durch den Presserat, welche dann zwecks Aufwertung offensiv kommuniziert werden sollte.

Eines wurde jedenfalls wie so oft bei Journalisten beim Feierabendbier oder beim Kaffee zwischendurch deutlich: Überall in Deutschland gibt es motivierte und talentierte Journalisten. Das bpb-Seminar hat uns allen neben Vernetzung untereinander dahingehend noch einmal einen Schub gegeben. Hoffen wir, dass dieser im Alltag zwischen schleichwerbender Konkurrenz, Kampf gegen Windmühlen und manchmal ernüchternden Broterwerbs-Tätigkeiten nicht zu schnell verloren geht. Bei Elbmelancholie versuchen wir weiter Impulse zu setzen. Und wir freuen uns auf die Impulse der Kollegen.

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Autor:

Andreas ist überwiegend in Hamburg als Daten- und Medienjournalist tätig. Von Oktober 2008 bis Juli 2012 studierte er an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus. Andreas ist Gründer von YOUdaz und initiierte Elbmelancholie.de mit, dessen Redaktion er aktuell leitet. Er beschäftigt sich besonders mit Innovationen im Journalismus, Redaktionsmanagment und journalistischen Start-Ups.

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