Suche
Suche Menü

Ich bin ein Medienjournalist, holt mich hier raus!

Mit Erschrecken stelle ich in jüngster Zeit fest, wie schlecht die deutsche Medienbranche ausgestattet ist, wenn es um Medienjournalismus geht. Wir befinden uns im vielleicht größten Medienwandel seit der Erfindung des Buchdrucks und auch aus wirtschaftlicher Hinsicht sind die Vorgänge in und außerhalb der Verlage hochgradig relevant – und was bekommen wir in den Fachmedien zu lesen? Das neue Viralvideo hier, die neue Werbekampagne da, Dschungelcamp, Dschungelcamp und Dschungelcamp dort und gegenseitiges Gezicke hier. Dazu gibt es noch zum zehntausendsten Mal die TV-Quoten und die Auflagezahlen, weil Qualitätsmessung ja bedeutet, diesen Pudding festzunageln und Quoten und Auflagen bieten uns immerhin Zahlen, sprich Nägel.

Und so schwanke ich fast täglich hin und her zwischen: „Ich bin froh, nicht mehr so viel Medienjournalismus zu machen“ und „Gott, ich müsste dringend mehr Medienjournalismus machen“ (Disclaimer: Von August 2012 bis Mai 2013 war ich fester Freier bei Meedia, seitdem als Freier Autor u.a. beim Kressreport aktiv). Auch wenn ich in jüngster Zeit seltener selbst medienjournalistische Beiträge verfasse, bin ich weiterhin gut vernetzt und informiere mich täglich. Doch in der Berichterstattung fehlt mir vieles – vor allem im Web.

Viele Branchendienste bringen nur wenige Themen aus dem Journalismus, sondern überwiegend Dinge über PR-Agenturen und Werber. Andere Seiten sind optisch und technisch auf dem Stand der frühen 2000er, was wenig für Online-Journalismus-Kompetenz spricht. Hier gibt es zum Teil zwar gute Autoren, aber viel zu selten Recherchiertes oder Kritisches. Stattdessen liest man täglich zig „Meldungen“ aus den Verlagen und Sendern, die nichts anderes sind als Pressemitteilungen. Unter diesem Gesichtspunkt ist das Presseportal oder das eigene E-Mail-Postfach oft der schnellere und bessere Branchendienst.

Kaum Medienjournalisten auf kleinen Events

Und was nicht dort war, war vorher zumindest schon bei Turi2, wo sich die Anderen bedienen. Hier findet man seit dem Relaunch neben Links zum Glück auch gelegentlich eigenen Content – andererseits aber auch kindische Sticheleien gegen die Konkurrenz. Die wiederum hat sich von wirklichen Medienjournalismus weitestgehend entfernt und versucht in einer Art irgendwo zwischen Buzzfeed und Gala an Klicks in der breiten Masse zu kommen.

Wo setzt man sich mal wirklich mit der Strategie von Verlagen auseinander? Wo werden regelmäßig auch kleine und neue Akteure bedacht? Wo wird die publizistische Linie von Medien hinterfragt? Wo wird die Verflechtung von PR und Journalismus konsequent beobachtet? Wo werden Ausbildungsstätten genauer vorgestellt und womöglich kritisch hinterfragt? Wo gibt es Praxistipps? Wo wird etwas über Medien geschrieben, bevor diese es selbst als Pressemeldung verkünden (es sei denn es geht gerade um Spiegel-Aufzug-Gossip)? Viel zu oft, so scheint es, will man den potentiellen Anzeigekunden (andere Medien) nicht auf die Füße treten.

Und so bleibt das Finger in Wunden legen allein Aufgabe der Watchblogs (gemeint ist fast ausschließlich der eine in Deutschland), die dafür Spenden sammeln müssen. So bleibt das Testen neuer Tools Nerds und Journalistenschülern überlassen, die darüber in ihren privaten Blogs schreiben. Und es bleiben wichtige Diskussionen und Treffen, in denen über die Zukunft der Branche gesprochen wird, frei von denen, die über die Zukunft der Branche berichten sollten – wenn die Veranstaltungen nicht gerade exklusive Events von Verlegern sind. Die berechenbaren Zitate der Münchner Medientage gehen durch die Kanäle, interessante Panels etwa auf dem Reeperbahnfestival oder gar Stammtische wie die der Datenjournalisten oder die OK-Labs, beides in vielen Städten anzutreffen, ebenso wie tolle Initiativen wie Jouvenir, bleiben unbeachtet.

Es gibt Lichtblicke

Letztlich beißt sich so die Katze in den Schwanz, da die vielgehandelten „Entscheider“ so in ihrer Filterbubble verharren und in ihren Newslettern wenig von dem mitbekommen, was sonst noch so vor sich geht. Aber: Es ist freilich nicht so, dass es gar keinen guten Medienjournalismus in Deutschland gibt. Ich schätze zum Beispiel das Mediummagazin. Ich finde auch vieles, was Zapp macht, wertvoll. Und es gibt eine Hand voll meist freier Autoren, die tolle Arbeit leisten, als Beispiel sei Daniel Bouhs genannt. Hinzu kommen wichtige Blogs (z.B. Bildblog, Lousy Pennies). Aber, so kommt es mir vor, kämpfen sie alle gegen Windmühlen oder um Zeilen und müssen sich sicher auf die Aussage „Ich mache Medienjournalismus“ auch so Gegenfragen anhören wie: „Ach dann triffst du auch voll die Dschungel-Stars und so?“

Nun werden einige vielleicht zu recht einwerfen: Ja, aber mit wirklich guten Medienjournalismus lässt sich nicht genug Geld verdienen. Irgendwie müssen sich die Portale ja auch finanzieren. Ich bin nicht davon überzeugt, dass das wirklich stimmt. Doch selbst wenn, oder gerade wenn, sehe ich Akteure, die dem Markt nicht so sehr unterworfen sind, in der Pflicht. Die Öffentlich-Rechtlichen könnten mehr machen, auch wenn gerade der NDR schon mehr macht als andere. Gleiches gilt für die Universitäten und Stiftungen. Mehr Zapp, mehr Message-Magazin bitte. Und vor allem: Mehr Medienjournalismus!

Ähnliche Beiträge:

  • keine ähnlichen Beiträge

Autor:

Andreas ist überwiegend in Hamburg als Daten- und Medienjournalist tätig. Von Oktober 2008 bis Juli 2012 studierte er an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus. Andreas ist Gründer von YOUdaz und initiierte Elbmelancholie.de mit, dessen Redaktion er aktuell leitet. Er beschäftigt sich besonders mit Innovationen im Journalismus, Redaktionsmanagment und journalistischen Start-Ups.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. In Ihrer Auflistung der positiven Beispiele fehlt auf jeden Fall ein wichtiges, aktuelles Portal. Was Newsroom.de immer wieder an exklusiven Stücken veröffentlicht, und wie knallhart dort auch mit den Entscheidern umgegangen wird, ist vorbildlich. Oder haben Sie die Kollegen nicht aufgeführt, weil Sie bei meedia waren?

    Antworten

    • Newsroom fällt für mich unter die Kategorie „Website technisch grausam“ und zu selten gute Sachen, wenngleich es dort immer wieder wirklich gutes gibt, allen voran durch die gute Arbeit von Bülend Ürük. Aber eben auch viel dpa und Co.
      Es ist ja mit nichten so, dass alle Seiten keine exklusiven und guten Stücke hätten, aber sie sind doch meist eher die Ausnahme als die Regel.

      Antworten

  2. Ja. Wenn man zum Beispiel die Wirtschafts-Berichterstattung oder oder oder betrachtet sieht es auch nicht anders aus. Wirklich fundiert recherchiertes rund um den dramatischen technologischen Umbruch im Medienbereich- wie soll dass gehen? Der Redakteur müsste dazu das Geschehen jahrelang beobachtet haben und sich auskennen um beurteilen zu können. Leute, die das können haben aber Aussicht auch auf bezahlte Jobs. Dazu dann vielleicht noch tagelang an einer Geschichte arbeiten. Die Refinanzierungsmoeglichkeiten sind dafür sind nirgends sichtbar.

    Antworten

    • Nun, wenn ich DIE Patentlösung schon hätte, würde ich sie machen. Die redakteure müssen aber nicht zwingen jedes Thema bereits selbst jahrelang beackert haben. Sie müssten lediglich häufiger die Leute sprechen, die das tun. Und natürlich sollten sie bezahlt werden.

      Wir befinden uns dabei – vll etwas anders als im allgemeinen Wirtschaftsjournalismus – ja in einem Querschnittsbereich aus aktueller Berichterstattung, Wissenschaftlichem Diskurs und Ratgeberjournalismus. gerade die beiden letztgenannten sind durchaus Bereiche, für die sogar gezahlt wird – das kann ein Ansatz sein. Darüber hinaus bin ich grundsätzlich der Meinung, dass sich eine journalistische Publikation nicht zwingend aus sich selbst heraus finanzieren muss.

      Antworten

  3. Interessante Analyse. Teile ich weitgehend. Das Sticheln unter Konkurrenten ist auch mir nicht fremd. Da hat man vielleicht manchmal ne dünnere Haut, wenn man nicht nur auf Zeit angestellt sondern Inhaber und Gründer eines Medienmagazins ist.

    Ich freue mich, wenn auch anderen negativ auffällt, wie YouTube-Videos und Boulevard Einzug erhalten in den Medienjournalismus bzw. die Branchendienste. Das ärgert mich seit einigen Jahren auch enorm. Inhaltlich – und auch dann, wenn diese leicht erzielte Reichweite nachher als Erfolg von Fachberichterstattung vermarktet wird.

    Ich finde, man darf und muss auch mal gegen den Strom schwimmen. Wir haben bei DWDL.de die Medienpartnerschaften mit all den großen Branchengipfeln bewusst vor Jahren eingestellt. Unterstützen da lieber das kleine studentische Medienforum Mittweida, das Fernsehfilm Festival in Baden-Baden (weil’s mal endlich um Inhalte geht) oder besuchen das Volontärstreffen der ARD in Bremen.

    Und wie kurios ist es, dass wir mit unserem Schwerpunkt Fernsehen diejenigen sind, die derzeit am wenigsten zum Dschungelcamp veröffentlichen? Weil wir keine täglichen Nacherzählungen zu TV-Formaten machen, nur weil es Klicks bringt. Haben wir vor mehr als zehn Jahren mal gemacht – und uns dann aber weiterentwickelt.

    „Ja, aber mit wirklich guten Medienjournalismus lässt sich nicht genug Geld verdienen. Irgendwie müssen sich die Portale ja auch finanzieren. Ich bin nicht davon überzeugt, dass das wirklich stimmt.“ schreibst Du. Fernsehen wird gerne belächelt. Aber mit Branchenberichterstattung darüber lässt sich derzeit immerhin genug verdienen, um gut 250.000 Euro im Jahr in Honoraren und Gehältern in den deutschen Medienjournalismus zu investieren.

    Antworten

    • Danke für deinen Kommentar. Nach meinen befinden fällt es durchaus vielen negativ auf – gerade auch Nicht-Journalisten.

      Ein Wort noch zum Sticheln: Das ist nur menschlich. Ich kenne das ja auch von eigenen Publikationen, wenngleich diese keine Medienportale sind. In einem gewissen Maß muss das auch erlaubt sein – freilich nur, wenn man auch einstecken kann.

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Anti-Spam: Bitte diese kleine Rechnung lösen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.