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Warum wird OJ noch immer nicht ganz ernst genommen?

Wenn ich darüber nachdenke, warum Online-Journalismus häufig noch immer nicht die Achtung bekommt, die er verdient, fällt mir ein Zitat von Hans Leyendecker ein. Es macht mir diesen Mann überaus sympatisch und er hat das Zitat auf vielen Fachkonferenzen wiederholt:

“Ich bin ja Borusse.”

Gemeint ist natürlich die Borussia aus Dortmund und sie bietet durchaus einen interessanten Ansatzpunkt. Ich erinnere mich noch an die Champions League Saison 2011/2012. Das war nicht die, in der Dortmund ins Finale kam. Nein, es war die, in der Dortmund als Deutscher Meister das erste Mal seit langem wieder in der Königsklasse spielte und klar in der Vorrunde ausschied, obwohl das Team den Gegnern überlegen war:

  • Die Dortmunder waren schneller als die anderen.
  • Sie waren jünger als die anderen.
  • Sie waren technisch besser als die anderen.
  • Sie spielten moderner als die anderen.

Und doch verloren sie fast jedes Spiel. Weil…

  • sie zwischendurch immer mal wieder unachtsam waren und dem Gegner so Gelegenheiten gegen sich boten.
  • sie zu euphorisiert von sich selbst und ihren Fähigkeiten waren, statt sich auf das Ergebnis zu konzentrieren.
  • sie die Gelegenheiten, die ihnen serviert wurden, nicht kaltschnäuzig genug nutzen.

Und deshalb sagten am Ende zwar alle, „denen gehört die Zukunft“, aber wirklich ernst nahm sie doch noch keiner auf der großen Bühne, der Titel und das Geld flossen woanders hin.

Da gibt es durchaus viele Parallelen zum Online-Journalismus. Auch hier wird immer gesagt, ihm gehöre die Zukunft. Er ist schneller, hat mehr technische Möglichkeiten und weniger Geld, als die großen Mannschaften von „Print United“ oder „Real Television“. Und es ist auch so, dass die jungen Talente in der Regel zunächst hier beginnen. Aber da sind halt auch viele Leute wie Mario Götze dabei: Sie sagen heute, sie können sich vorstellen, die ganze Karriere beim BVB zu verbringen und gehen Morgen doch zu Bayern, statt etwas aufzubauen, weil es dort mehr Geld und mehr Titelchancen gibt.

Bei uns im Journalismus zeigt sich das in den immer wieder zitierten Journalistenschulen-Klassen, in denen die Mehrheit davon träumt, die SZ-Seite 3 zu machen und nicht etwas wie Buzzfeed (nicht inhaltlich sondern von der Fallhöhe her gedacht) zu gründen. Beim Spiegel gibt es ja trotz allem Print/Online-Streit das hartnäckige Gerücht, des sich „hochessens“, sprich einen Job bei Print zu bekommen, dadurch dass man in der Kantine die richtigen Leute kennen lernt.

Was sagt uns das?

Wollen wir als Onliner die gleiche oder gar eine höhere Achtung als die Print-Kollegen, müssen wir nicht nur mehr Potential aufweisen, sondern tatsächlich besser sein. Das sind wir aber viel zu selten. Wir können viel drüber lamentieren, dass andere mehr Geldmittel haben (Die Zeit hat als Werbebudget beim Start des Hamburg-Teils soviel ausgegeben, davon könnten wir hyperlokalen in Hamburg Jahre arbeiten). Wie heißt es: “Entscheidend ist auf dem Platz.”

Ich kenne viele Datenjournalisten. Datenjournalismus war so ein bisschen das Äquivalent zum „brutalen Gegenpressig“, das vor ein paar Jahre durchs Dorf getrieben wurde. Die Kollegen rennen häufig mit ihren Ideen innerhalb der Redaktion gegen eine Wand. Antwort: “Keine Geld, keine Zeit, bringt uns nichts.” Die besten dieser Leute haben sich deshalb oft nach Feierabend mit Leuten zusammengesetzt und es dennoch gemacht. Und dann hat der Chef gesehen: Oh das ist ja doch geil. Und in einigen Redaktionen gibt es deshalb nun dafür Ressourcen. Demo statt Memo!

Wir können uns nicht vor dem dpa Ticker setzten, Copy+Paste machen, mit dem Finger auf Snow Fall zeigen und sagen: Wir sind die Alphajournalisten. Man muss zum Spaß mal alle E-Mails von PR-Agenturen lesen, dann weiß man nämlich was Sache ist. Die erwarten kostenlose Werbung, die erwarten dass man ihre Meldung auf die Seite kippt, ob es passt oder nicht. Warum erwarten die das, weil das andauernd klappt. Oder man schaut sich die Umfragen zur Meinung über Journalisten an. Auch dann erkennt man, dass zwischen Selbstwahrnehmung und Bild in der Öffentlichkeit Meilen liegen. Es gibt nicht so viele Leute, die finden, dass wir mehr Geld und Anerkennung verdienen, als wir derzeit erhalten.

Ich kenne so tolle Kollegen, die super arbeiten, Wahnsinnssachen umsetzen, sich richtig reinknien. Aber es gibt auch leider Gottes genug Leute, die strahlen diese Haltung von „ich hab keine Bock, wann ist Feierabend“ aus. Dann hört man aus einer große Online-Redaktion Dinge wie: „Das können wir nicht umsetzen, nach 16 Uhr ist in unserem Ressort heute keiner mehr da.“ Oder: „Ja, das ist interessant, aber ich kann darüber nichts schreiben, da ich recherchieren müsste, warum das so ist.“ Gott verdammt. Wenn ihr keine Lust habt, dann macht etwas anderes. Es gibt so viele gute Journalisten, die keine Stelle haben. Man kann hier natürlich fragen: Was war zuerst da, Henne oder Ei: Ist die Motivation so niedrig und deshalb gibt es keine Ressourcen oder ist die Motivation so niedrig, weil es keien Ressourcen gibt. Aber das ist eine Meta-Diskussion, die das bestehende Faktum nicht ändert und weder Verleger noch vor allem Leser interessiert.

Das alles heißt unterm Strich: Ja, online, vermutlich genauer sogar: mobiler Online-Journalismus, ist die Zukunft. Eigentlich ist er sogar schon die Gegenwart. Aber wir sind deutlich schlechter, als wir sein könnten – und das merken vor allem auch unsere User. Wenn wir mehr Achtung, mehr Respekt und mehr Mittel haben wollen, müssen wir unser Potential aber auch ausschöpfen. Mit viel mehr Potential etwas mehr zu leisten, bedeutet im Grunde schlechter sein. Wenn Jürgen Klopp mit Dortmund Fünfter wird, wird er arg kritisiert werden. Vor einigen Jahren war das für ihn und den BVB ein großer Erfolg.

Aber eines dürfen wir auf keinen Fall vergessen und da komm ich nochmal auf den Fußball-Vergleich zurück. Selbst wenn wir uns in einem Wettstreit mit Bayern München alias Print messen, müssen wir uns immer in die Augen schauen können und bei den Länderspielen für „Journalismus“ perfekt harmonieren können. Und das kann gehen. Die Konkurrenz zwischen Bayern und Dortmund hat nicht zuletzt dazu geführt, dass wir in Brasilien ein Team aufbieten konnten, das Weltmeister wurde.

Dieser Beitrag ist die verschriftliche Form meines Impulsvortrags bei der DJV-Konferenz „besser online“ am 18.10.14 in berlin beim Panel „Stiefkind Online oder Warum Printstrukturen bei Zeitungen noch immer Priorität haben“

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Autor:

Andreas ist überwiegend in Hamburg als Daten- und Medienjournalist tätig. Von Oktober 2008 bis Juli 2012 studierte er an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus. Andreas ist Gründer von YOUdaz und initiierte Elbmelancholie.de mit, dessen Redaktion er aktuell leitet. Er beschäftigt sich besonders mit Innovationen im Journalismus, Redaktionsmanagment und journalistischen Start-Ups.

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