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Ist Android-first eine Utopie?

Viele neue Apps gibt es erst einmal auf dem iPhone oder iPad. Android Nutzer brauchen häufig Geduld, bevor die Apps auch ihnen zur Verfügung stehen. Bei Windows Phone Besitzern ist die Wartezeit meist noch länger. Warum werden Apps selten zuerst für Android-Smartphones entwickelt? Ich bin in englischsprachigen Blogs auf eine Diskussion aufmerksam geworden.

Schon seit einiger Zeit gilt in Deutschland und den USA: Android hat beim Smartphone-Absatz die Nase vorn, Apples iOS dagegen bei der mobilen Reichweite. Smartphones mit Googles Betriebssystem punkten mit ihrem günstigen Verkaufspreis.

Android beherrscht den deutschen Markt: Warum gibt es dann keine Android-first Apps?

Anteil der Smartphone-Verkäufe vom 1. März bis zum 31. Mai 2014 nach Betriebssystem Quelle: statista CC BY-ND 3.0

Im Juli 2014 lag Android jedoch zum ersten Mal beim mobilen Traffic vor dem Konkurrenten iOS – wenn auch nur knapp. Dies zeigen aktuelle Zahlen von NetMarketShare: 44,6 Prozent des mobilen Traffics ließen sich im Juli auf Android-Geräte zurückführen. Mit 44,2 Prozent folgt iOS knapp dahinter.

Utopie: Die Argumente der US-Blogger

Unter US-Bloggern ist Android-first bei der Entwicklung von Apps eher eine Utopie. Viele App-Entwickler oder Start-ups, die für iOS entwickeln, bekämen laut Produktmanager Semil Shah häufig die Frage gestellt: „Wann veröffentlicht ihr eine App für Android?“ Die Antwort dürfe dabei nicht sein: „Machen wir demnächst.“ Sie müsse lauten: „Kauft euch ein iPhone“, betont Shah.

Der Tech-Blogger Andrew Chen hat Ende August einmal die Argumente von Shah, Dave Feldmann (Co-Founder der Messaging App Emu) und Programmierer Steve Cheney für die Utopie-These zusammengefasst. Folgendes sind die wichtigsten von ihm gelisteten Punkte (Aufzählung wurde aus dem Englischen übersetzt, Quelle: andrewchen.co) :

  • „Fragmentierung bei Displaygrößen und Betriebssystemversionen“
  • „weniger ausgereifte Tools, sperrige APIs, weniger Features“
  • „mehr aktive Android-Geräte, aber ein deutlich kleinerer Markt als bei iOS (Grund: Konzentrieren sich Entwickler auf aktuelle Android-Versionen, reduziert sich der Anteil der potentiellen Nutzer)“
  • „weniger ‚wertvolle‘ Nutzer auf Android“
  • „günstigere iPhones erobern den Marktanteil von Android in der Zukunft zurück“
  • „höhere Entwicklungskosten (laut Steve Cheney: zwei bis dreimal als für iOS)“
  • „800.000 $ bis 1,2 Millionen $ Dollar Finanzierungsrunden führen zu einer „all-in on one platform“ Strategie

Besonders die Fragmentierung des Marktes schreckt die App-Entwickler davon ab, eine App primär für Googles Betriebssystem zu entwickeln. Mir sei daher ein Exkurs zu diesem Thema erlaubt.

Exkurs: Fragmentierung als Android-first Killer?

Mit der Fragmentierung beim mobilen Betriebssystem Android hat sich im Juli 2013 auch opensignal.com auseinandergesetzt. Auf einer Webseite hat das Team das Problem anschaulich visualisiert, aber auch erklärt:

„Android devices come in all shapes and sizes, with vastly different performance levels and screen sizes. Furthermore, there are many different versions of Android that are concurrently active at any one time, adding anouther level of fragmentation.“

Bei einer Auswertung von 682.000 Unique Devices, die die Open Signal App heruntergeladen haben, wurden 11.868 verschiedene Android-Geräte registriert, die zusammen acht verschiedene Versionen des Betriebssystems Android im Einsatz hatten.

Diese Vielzahl an unterschiedlichen Geräten und Android-Versionen ist eine Herausforderung für App-Entwickler. – Warum? Ein anschauliches Beispiel nennt Dave Feldmann im April 2014 auf techcrunch.com. Der Co-Founder der Messaging App Emu (inzwischen von Google aufgekauft), wollte ursprünglich Android-first umsetzen. Die Anpassungen der Android-Versionen durch die Hersteller machten jedoch Probleme:

„On a Galaxy S4 with Samsung’s Multi-Window feature enabled, Emu’s popup windows are squished by the keyboard. This doesn’t happen on the Galaxy S4 sold by Google, without Samsung’s software modifications; or with the Multi-Window feature on the Galaxy S3. We’ve investigated, but because it relates to Samsung-specific functionality, we probably can’t fix it without direct cooperation from them.“ (techcrunch.com, „The fallacy of Android-first„)

Eine App, die beispielsweise auf einem HTC-Smartphone mit der aktuellsten Android-Version perfekt funktioniert, kann auf einem Smartphone von Sony oder Samsung zur Usability-Katastrophe werden. Die Behebung von Fehlern wird so schnell zu einem kostspieligen Unterfangen. Wenn Fehler nur auf bestimmten Geräten auftauchen sei es schwierig diese nachzuvollziehen und eine Lösung zu entwickeln, betont Feldmann.

„We can’t test on every Android device we support, so we get bug reports in the field that we couldn’t anticipate and can’t reproduce. And, plenty of bugs go unreported and, therefore, unnoticed.“ (techcrunch.com, „The fallacy of Android-first„)

Zugegeben: Es ist utopisch und sehr kostspielig, eine App auf allen verfügbaren (und zukünftig verfügbaren) Android-Geräten zu testen und Fehler Gerätespezifisch zu beheben.

Der Aspekt der Fragmentierung (verschiedene Bildschirmauflösungen, unterschiedliche Seitenverhältnisse, verschiedene Versionen des Betriebssytems, Anpassung der Android Version durch Hersteller)  scheint folglich ein gewichtiges Argument dafür zu sein, erst für iPhones und iPads zu entwickeln und Android Apps später zu ergänzen. Wobei responsive Design Abhilfe schaffen könnte, was die Auflösungs- und Seitenverhältnis-Problematik betrifft. Exkurs Ende.

Stichwort: Vorbilder

Kommen wir auf Tech-Blogger Andrew Chen zurück. Er möchte in seinem Blogpost die Argumente der Entwickler, Produktmanager und Programmierer nicht einfach so stehen lassen. Er hält ihnen lieber einen Spiegel vor (ins Deutsche übersetzt):

  • „Die meisten Gründer von Start-ups und deren Angestellte sind Steve Jobs Fanboys, tragen iPhones herum und wollen für sich selbst entwickeln.“
  • „Die Freunde der Start-up-Gründer und deren Angestellten besitzen iPhones. Die Programmierer wollen für ihre Freunde entwickeln.“
  • „Investoren besitzen meist iPhones, daher ist es einfacher eine iPhone-App zu pitchen.“
  • „Es gibt mehr Tech-Magazine, die iPhone spezifische Neuigkeiten berichten wollen.“

Damit aber nicht genug: Chen erinnert an den Wettbewerb zwischen Apple und Microsoft bei den Betriebsystemen für Desktop-PCs. Windows habe damals punkten können, weil es billiger war, mehr Geräte mit dem Betriebssystem verkauft wurden und es offener programmiert war. Android verbuche im Wettbewerb zwischen Google und Apple eben genau diese Punkte für sich. Doch der kritische Punkt – mehr Apps zu haben als iOS – sei bei Android nicht erfüllt:

„Remember how there was always some key games that’d run on Windows that wouldn’t exist on Mac? Or how there were a bunch of business applications that would only run on Windows?“

Damit Android hier Punkten kann, sei es nötig den Kreislauf von iOS-first und Android-second zu brechen. Google fehle jedoch die Erfolgsstory eines Millonen schweren Start-ups, das Android-first in die Tat umsetzt. Chen empfiehlt daher: „Android should seek to really showcase apps that take advantage of very differentiated features and APIs.“ Klone seien auf Dauer einfach nicht genug.

Qixxit:

Das Portal AndroidPit sprach im Sommer 2013 mit den Entwicklern einer in Deutschland programmierten App nach dem Android-first Muster. Stephan Hörksen von Qixxit – ein Mobilitätsportal der Deutschen Bahn – nannte zwei Gründe für Android-first:

  • Android ist weiter verbreitet. Es gebe ein Missverhältnis zwischen persönlicher Wahrnehmung von Entwicklern und den Statistiken.
  • Der Google Play Store biete flexiblere Möglichkeiten Beta-Phasen zu durchlaufen. Bei Apple sei eine „Private Beta“, bei der wenige Nutzer die App testen, nicht oder nur mit hohem Aufwand realisierbar.
Quelle: AndroidPit.de

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Martin arbeitet als freier Journalist, ist studierter Online-Journalist (B. A.) und beschäftigt sich im Masterstudiengang Medienentwicklung mit der Konzeption von Medien sowie mit der Anpassung von Redaktionsstrukturen. Die Zukunft der Medienlandschaft und des Journalismus gehören zu seinen Interessengebieten, so auch die Integration sozialer Medien in journalistischen Redaktionen. Martin arbeitet seit Oktober 2011 für YOUdaz Media.

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