Suche
Suche Menü

Frauen kommunizieren, Männer programmieren

Twittern, bloggen und mit Hilfe einer App auf dem Smartphone schnell schauen, wann der nächste Bus fährt. Das machen heutzutage viele, egal ob Mann oder Frau. Doch wenn es um das Programmieren von Apps und Webseiten geht, hat Mann noch die Nase vorn. Programmierernetzwerke wie die „Code Girls“ in Leipzig sind ein Versuch, Frauen in einer Männerdomäne zu etablieren.

An Angela Denninger erinnern sich die Professoren an der Hochschule in Konstanz immer. Auf den ersten Blick könnte das an ihren bunt gefärbten Haaren liegen. Doch selbst wenn Angela ein ganz normales Erscheinungsbild hätte, würde sie in den Vorlesungen, die sie besucht, auffallen. Jeder Dozent und auch jeder Kommilitone bemerkt es, wenn sie mal eine Vorlesung schwänzt. Dabei benimmt sie sich nicht etwa unanständig oder stört ständig die Vorlesung. Nein, sie fällt einfach dadurch auf, dass sie ein Mädchen ist. Angela studiert Informatik und ist in ihrem Jahrgang die einzige Frau und auch in den Semestern unter ihr kann man die weiblichen Studenten an einer Hand abzählen – sofern es überhaupt welche gibt.

Nicht nur in Konstanz stößt der Studiengang Informatik bei Männern auf mehr Interesse als beim weiblichen Geschlecht. Nur 15 Prozent aller Informatikstudenten sind Frauen. Folge des geringen Interesses ist ein Berufsfeld, das von Männern dominiert wird. Die Bundesagentur für Arbeit stellt in ihrer Arbeitsmarktberichterstattung für Akademiker in Deutschland fest, dass der Frauenanteil in der Informatikbranche sehr niedrig ist. „Die typische IT-Fachkraft ist männlich und im Durchschnitt 40 Jahre alt“, heißt es in dem Bericht aus dem vergangenen Jahr. Demnach waren im Jahr 2011 nur 18 Prozent der Informatiker in Deutschland weiblich.

Männer haben einen anderen Zugang zum Programmieren

Der geringe Frauenanteil verwundert, denn eigentlich verwenden mittlerweile Frauen genau so Computer, Smartphones und Tablet PCs. Sie bearbeiten Dokumente, schreiben E-Mails, twittern, bloggen und nutzen Apps. In diesem Hinblick gibt es kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Trotzdem sind Programmiersprachen eher Männersache. Das liege vor allem daran, dass Männer schon in der Pubertät über Computerspiele den Zugang zum Programmieren finden, meint Natalie Sontopski von dem Programmierernetzwerk „Code Girls“ in Leipzig. „Die zocken nächtelang Computerspiele und beginnen sich deswegen mit technischen Aspekten zu beschäftigten: Was ist die beste Grafikkarte? Wie hole ich mehr Leistung aus meiner Kiste raus?“ Da Frauen eher die kommunikativen Aspekte der digitalen Welt nutzen würden, seien die technischen Dinge für sie nicht im gleichen Maße von Interesse.

Auch Natalie Sontopski hat „die spielerische Komponente nie sonderlich gereizt.“ Für „Computerzeugs“ interessierte sich die 28-Jährige trotzdem. Sie beschäftigte sich in ihrer Freizeit mit Programmiersprachen und versuchte sich via Internet selbst diese beizubringen. Allerdings wurde das „isolierte Nachprogrammieren“ irgendwann langweilig: „Tatsächlich vermisste ich das analoge face-to-face, den Austausch mit Interessierten.“Als sie vor einem Jahr auf einer Campusparty dann Vorträge von Programmiererinnen und dem Programmierernetzwerk „Rails Girls“ hörte, war sie sofort Feuer und Flamme. Zusammen mit ihrer Freundin Julia Hoffmann gründete sie die „Code Girls“ ein Programmierernetzwerk für Frauen und Mädchen in Leipzig.

Seit Oktober 2012 treffen sich die „Code Girls“ alle zwei Wochen, um sich über das Programmieren auszutauschen. Zusammen können Aufgaben und Probleme gelöst werden. Wichtig ist Sontopski dabei, dass es keinen schulischen Charakter hat. „Die Code Girls sind ein Netzwerk für Frauen, bei dem der gegenseitige Austausch, Vernetzung und Hilfestellung im Vordergrund steht, keine Schule für Programmiersprachen“, erklärt sie. Deshalb gibt es auch keinen strikten Lehrplan. Die Teilnehmerinnen bekommen Anregungen und Hilfestellungen. „Wir bieten Einführungen zu Themen und versorgen Teilnehmerinnen mit Adressen und Möglichkeiten sich im Netz weiterzubilden.“ Manche bringen auch ihre Projekte mit und lassen sich bei Problemen von Natalie Sontopski, Julia Hoffmann und dem Coach Stephan Köhler helfen.

Netzerwerke für Programmiererinnen – eine Idee aus Finnland

Die ursprüngliche Idee kommt aus Finnland. Dort gründeten Linda Liukas und Karri Saarinen im November 2010 das Netzwerk „Rails Girls“. Mittlerweile veranstaltet das Netzwerk Workshops auf der ganzen Welt. Seit April 2012 gibt es in Berlin ein Schwesternetzwerk, das ebenfalls den Namen „Rails Girls“ trägt. Der Name leitet sich von dem Begriff „Ruby on Rails“ ab. Ruby ist eine Programmiersprache. Ruby on Rails ist ein in dieser Sprache geschriebene Open Source-Software, mit der man zum Beispiel Apps für Smartphones programmieren kann.

Ob in Finnland, Berlin oder Leipzig alle Netzwerke haben ein Ziel: Frauen und Mädchen für Programmiersprachen zu begeistern und ihnen den Zugang zur digitalen Welt zu ermöglichen. Dieser bleibe ihnen bislang verschlossen, da viele das benötigte Handwerkszeug nicht beherrschen würden, so Natalie Sontopski. „Frauen bewegen sich wie in so vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft auch im Netz in einer von Männern erschaffenen, weil programmierten, Welt.“ Daher seien solche Netzwerke eine gute Möglichkeit dies zu ändern: „Nicht nur ist Codieren und Programmieren feministisch, kann sich positiv auf unseren Berufsweg auswirken, es erlaubt uns auch gestaltend in die uns umgebende digitale Welt einzugreifen.“

Fähige Lehrer könnten auch Mädchen für Informatik begeistern

Angela Denninger hat auch ohne ein Netzwerk den Weg in die von Männern erschaffene Computerwelt gefunden. Mittlerweile hat sie sich auch daran gewöhnt, dass ihre Kommilitonen und zukünftigen Kollegen hauptsächlich männlich sind. Das einzige Mädchen zu sein stört sie nicht sonderlich: „Ich fühl mich wohl, die meisten Männer in meinem Studiengang sind echt nett.“ In ihren Augen spielt es auch keine Rolle, welches Geschlecht ein Informatiker hat. „Ich glaube nicht, dass es in diesem Bereich Dinge gibt, die Männer besser können als Frauen.“ Es hängt ihrer Meinung nach eher von der Motivation und den Beweggründen der jeweiligen Person ab, wie gut oder schlecht jemand mit Programmiersprachen umgehen kann.

Trotzdem fände Angela Denninger es schön, wenn es mehr Frauen in ihrem Beruf gäbe, sofern sie sich wirklich für das Fach interessieren. Programmierernetzwerke wie die Code Girls könnten da ein Anfang sein. „Sicher kann dies ein Einstieg für junge Mädchen sein“, findet Angela, auch wenn man ihrer Erfahrung nach dafür schon großes Interesse und eine ordentliche Portion Geduld mitbringen müsste, „denn wie bei Sprachen kann man eine Programmiersprache erst durch viel üben lernen.“ Aus ihrer Sicht müssten auch die Schulen mehr Anreize schaffen und das Interesse der Mädchen wecken. „Fähige Lehrer, die dieses Fach schon in der Schule lehren, könnten viel dazu beitragen, dass sich mehr Frauen für eine Karriere in der Informatikbranche oder überhaupt für Programmiersprachen begeistern.“

Die ersten kleine Schritte werden gemacht

In Dortmund versucht die Technische Universität mit einem Mentorenprogramm Mädchen für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu gewinnen. Hier sollen Mädchen zwischen 12 und 14 einen Einblick in diese Studienfächer bekommen. Betreut werden sie dabei von Studentinnen, die sich für ein MINT-Fach entschieden haben. Unterstützt wird die Technische Universität dabei vom Land Nordrhein-Westfalen.

Die ersten kleinen Schritte, um Frauen für die technische Seite der Computerwelt zu begeistern, werden also gerade gemacht. Ob es gelingt dadurch den Frauenanteil in der Männerwelt Informatik zu erhöhen, wird sich zeigen. Der Erfolg dieser Projekte hängt auch davon ab, ob wir Frauen die Chancen auch ergreifen und durchstarten.

Über die Autorin:

Anna Wittmershaus studiert Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt. Im Studium hat sie an den Projekten strabada und fuppMagazin mitgearbeitet. Im Moment schreibt sie ihre Bachelorarbeit über Volontariate im crossmedialen Zeitalter. Nach ihrem Studium möchte Anna im Rundfunk arbeiten. In diesem Bereich hat sie bereits bei Radio Ton und Regio TV Bodensee als Praktikantin gearbeitet.

Ähnliche Beiträge:

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Anti-Spam: Bitte diese kleine Rechnung lösen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.