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Journalisten brauchen mehr Raum für eigene Projekte

Vor einigen Tagen schrieb der von mir sehr geschätzte Kollege Daniel Drepper in seinem Blog einen kurzen Beitrag. „Gedanken: Wie kann sich Journalismus finanzieren?“, so lautet der Titel des Posts. Darin führt der Investigativ-Mann zehn Punkte auf, die seiner Meinung nach die Zukunft ausmachen. Ich will mich an dieser Stelle gar nicht so sehr mit den einzelnen Aspekten beschäftigen, denen ich teils mehr, teils weniger zustimme. Gepackt hat mich viel mehr dieser Satz: „Ich halte es deshalb für überlebenswichtig, dass sich Journalisten Gedanken darüber machen, wie sie ihre Leser dazu motivieren können, für ihr Produkt zu bezahlen.“ Auch Eva fragte sich in ihrem Blog, wie sie demnächst mit dem, was sie tut, Geld verdienen kann.

In diesem Zusammenhang fällt mir eine kleine Anekdote ein. Im ersten Semester fragte uns ein Professor, bei welchem Medium wir denn später gerne arbeiten würden. Die üblichen Verdächtigen waren damals dabei: Spiegel, Süddeutsche, FAZ , Zeit und die Öffentlich-Rechtlichen. Unser Prof. meinte damals jedoch, die Zahl derer, die zu den Platzhirschen wollen, nähme ständig ab. Eine Beobachtung, die auch ich mittlerweile mache, wenn ich mit Kollegen oder werdenden Kollegen spreche. Eigene Projekte, neue Medien, Startups und (leider) auch die PR werden zunehmend interessant.

Die Gründe dafür sind vielseitig. Gerade bei den Jüngeren gehört das Gefühl hinzu, dass die traditionellen Medien häufig den Puls der Zeit verpassen. Wenn der Spiegel mal wieder in grotesker Angstmacher-Stimmung über das Internet berichtet, verliert der junge online-affine Journalist genauso die Lust dort zu arbeiten, wie wenn die FAZ sich für ein Leitmedium hält, wichtige Ereignisse online aber kaum abbildet – um sich nicht zu „kannibalisieren“.

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass auch der Arbeitsplatz bei einem der Großen keineswegs die sichere Altersversorgung garantiert. Da geht eine Frankfurter Rundschau pleite, einer Financial Times Deutschland wird der Stecker gezogen und bei der WAZ (Funke) – Gruppe wird so lang entlassen, bis der Verlag mehr Zeitungen herausgibt, als Gehaltsschecks druckt.

Ich habe derzeit mit Meedia einen regelmäßigen Auftraggeber, so dass ich in den vergangenen Monaten – vielleicht besser als manche andere, die mit mir den Abschluss gemacht haben – meine Miete bezahlen konnte mit Geld, dass ich mit dem verdient habe, was ich gelernt habe: (Online-)Journalismus. Und doch weiß ich, dass auch mein Arbeitsplatz beziehungsweise meine Auftragsstruktur nicht zwingend ewig anhält, dass auch meine Auftraggeber womöglich sparen müssen oder im Konkurrenzkampf scheitern und eingestellt werden.

Mir persönlich ist es deshalb schon immer wichtig gewesen, nicht nur zu lesen, was mögliche Geschäftsmodelle sind, sondern stets auch eigene Projekte aufzubauen. Die Anzahl der angestellten Journalisten, die von klassischen Medienhäusern (dazu zählen mittlerweile auch Online-Publikationen) bezahlt werden, könnte in Zukunft sehr gering werden. Auf diese Tage wäre ich gerne vorbereitet, indem ich zumindest mögliche Konzepte in der Hinterhand habe, die auch ohne Verlage oder Anstalten auskommen.

Das heißt freilich nicht, dass diese sicher funktionieren. Wer sich bei so etwas sicher ist, würde (sollte) sich diesen Konzepten voll und ganz widmen. Ich glaube aber derjenige, der sich solche Gedanken nicht macht, mehr noch: der solche Gedanken nicht auch verfolgt und testet, der handelt mittlerweile grob fahrlässig.

Ich glaube, ein guter Journalist sollte sich das Ziel setzen, nicht immer nur Arbeitnehmer zu sein, sondern nach Möglichkeit auch Arbeitsplätze zu schaffen. Und ein guter Arbeitgeber sollte seinen Angestellten dazu den Raum lassen. Neue Ideen und Geschäftsfelder sind extrem wichtig für uns – das hören wir auf jeder Tagung. Aber wer hat, vielleicht neben Hobby und Familie, wirklich die Zeit dazu, sie zu finden? Wer im Job ist, muss mehr als nur die komplette Arbeitszeit lang alles dafür geben, unentbehrlich zu sein, um bei der nächsten Kürzungsrunde nicht erwischt zu werden.

Ich glaube, auch die Verlage, Anstalten und Redaktionen täten gut daran, ihren Mitarbeitern ein wenig mehr Raum zu schaffen. Ähnlich wie bei Google sollten Journalisten 10 Prozent ihrer Arbeitszeit für eigene Projekte aufbringen können, ohne direktem wirtschaftlichen Druck aufgesessen zu sein. Ein Nachmittag in der Woche oder 45 Minuten am Tag. Was der Arbeitgeber dadurch gewinnen würde, wären Angestellte, die Mut und Experimentierfreude für neue Felder mitbringen, statt Angst und Abwehrreflexe. Was er außerdem noch gewinnen könnte: Womöglich einige gute Ideen pro Jahr, die sich auf Bilanz und Arbeitsplatzzahlen positiv auswirken.

PS: In diesem Zusammenhang sollten gerade auch die Ausbildungsstätten in die Pflicht genommen werden. Volontären, genauso wie den Klassen der Journalistenschulen sollte Raum gegeben werden, neue Konzepte zu testen. Lässt man sie hingegen starre Verlagskonzepte ausfüllen oder verwendet sie als günstige Arbeitskräfte, werden sie verheizt und ihre Innovationskraft geht verloren.

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Autor:

Andreas ist überwiegend in Hamburg als Daten- und Medienjournalist tätig. Von Oktober 2008 bis Juli 2012 studierte er an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus. Andreas ist Gründer von YOUdaz und initiierte Elbmelancholie.de mit, dessen Redaktion er aktuell leitet. Er beschäftigt sich besonders mit Innovationen im Journalismus, Redaktionsmanagment und journalistischen Start-Ups.

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