Suche
Suche Menü

Klicks don’t kill people, people do

Von Johnny Favourite*

Eine der wohl unseligsten Entwicklungen, die der Journalismus im Internet in den letzten Jahren durchgemacht hat, ist zweifellos der ständige Zwang, immer ein kleines bißchen schneller, spannender und aktueller sein zu wollen. Die Zauberformel im Kampf um massig Klicks ist dabei eine ganz besondere Massenverblödungswaffe unvorstellbarer Verdummnis:

Liveticker, die den Leser zum jeweiligen Thema auf dem neuesten Stand halten sollen. Ob nun die Medien atemlos über den tollkühnen Felix Baumgartner berichten, oder gar über (seufz) das neueste Eiertelefon/Pad/hauptsache Apple. Wobei man die Produktwerbung in diesen Fällen gleich fröhlich und frei Haus mitliefert.

Doch was sich Spiegel Online nach dem grausamen Amoklauf in den USA geleistet hat, ging zu weit: Ein Amoklauf-Liveticker für alle gierigen Schaulustigen dieser tragischen Historie, auf das man das Blut auflecken könne, als wäre man selbst dabei gewesen. Das ist wahrer Krawallitätsjournalismus liebe Spon-Kollegen, das hat sich nicht mal Bild.de getraut. Und so habt ihr uns mit echten Action-News gefüttert, atemlos wusstet ihr zum Beispiel zu berichten, dass der Todesschütze im Auto seiner Mutter zu Tatort gefahren sei.

Na wenn das mal keine Sensation ist! Und damit nicht genug, als Titel der ganzen Story habt ihr euch eine schier unfassbar geniale Headline einfallen lassen: „Verbrechen spielte sich in zwei Schulräumen ab“. Dass rund um die Tat aber zu diesem Zeitpunkt noch fast keine Tatsachen bekannt waren und es sich bei fast allen Aussagen um Mutmaßungen handelte, ist dann auch schon fast wieder egal, Hauptsache ihr habt es live auf eurer Seite gehabt. Und noch besser: Eigenleistung gleich null, man kann ja alles bequem bei den Agenturen abschreiben. Dann macht es auch nichts, dass im Liveticker von 27 Toten die Rede war, in weiteren Artikeln auf eurer Startseite aber auch gerne mal von 26 oder gar 18.

Und das war ja nicht mal der schlimmste Liveticker-Müll, den ihr so produziert habt: Beim Breivik-Amoklauf sprangen eure Angaben zu den Toten sowas von wild durcheinander, dass ihr am Ende sogar nach unten korrigieren musstet.

Aber stopp, ein bisschen Eigenleistung kann man euch ja schon anrechnen, nämlich die bahnbrechende Schlussfolgerung: Der Tod dieser Kinder sei ja vielleicht doch nicht ganz so sinnlos, wenn die USA jetzt endlich ein verschärftes Waffengesetz einführen würden. Oder aber der Beitrag, in dem ihr mehrfach zurückrudern müsst, weil ihr wilde Verbindungen zwischen Autisten und Attentätern aufstellt. Das steht dann den US-Medien nichts nach, die das Facebook-Profil eines Manns verbreiteten und sagten, dies sei der Täter. Nicht dass das nicht schon schlimm genug sei (Stichwort: Freunde, Fotos…), war es noch nicht einmal der Attentäter.

Es reicht, Medien, und es reicht Spiegel Online! Findet ihr nicht auch, dass ihr dem guten Namen eures Mutterblattes schon lange genug geschadet habt? Der Qualitätsverlust kam schleichend, ein jahrelanger Prozess.

Macht endlich Schluss mit dieser Sensationsjagd und kehrt wieder zu euren Wurzeln zurück: selbstgemachter, moralisch hochwertiger Qualitätsjournalismus. Ansonsten passt lieber auf, dass beim nächsten Henri-Nannen-Preis nicht jemand seine Auszeichnung ablehnt, weil er mit euch im selben Atemzug genannt wird.

* Bearbeitung: mkr, adg

Ähnliche Beiträge:

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Schön, dass es aufgeschrieben wurde. Ist mir am vergangenen Wochenende auch extrem aufgefallen. Natürlich – man kann die Schnelligkeit des Netzes nicht ignorieren, will vermutlich immer Erster sein, aber oft ist langsamer eben doch besser.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Anti-Spam: Bitte diese kleine Rechnung lösen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.