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Kostenlos – und umsonst

Von Johnny Favourite

„Die Welt gehört allen, denen sie etwas wert ist“. Unter diesem Motto wirbt „Die Welt“ für sein am 12. Dezember 2012 gestartetes dreistufiges Online-Bezahlmodell. Künftig ist Schluss mit Gratis. Nur noch 20 Artikel kann ein jeder Nutzer monatlich lesen, dann fährt eine Paywall hoch. Ein Husarenritt, bei dem, mit Verlaub, schon größere Geister gescheitert sind.

Dennoch wird schon lange diskutiert, dass die Kostenloskultur, wie sie seit Bestehen des Internets eine scheinbar selbstverständliche Begleiterscheinung war/ist, jetzt doch bitteschön bald ein Ende haben solle. Das findet auch „Die Welt“, und möchte mit seinem Bezahlmodell „weiterhin auf allen Kanälen eine hochwertige Berichterstattung liefern“. Nur eben für ordentlich Schotter, von 0 auf bis zu 14,99 € monatlich in zwanzig Klicks.

Macht man sich ein Bild aus den Kommentaren der Leser auf der Website, wird „Die Welt“ mit dem Angebot wohl spätestens in einer Woche zurückrudern müssen: Die Kritiken sind vernichtend. Ein Nutzer schreibt: „Für linken Mainstreamjournalismus mit jedem Tag einem Naziartikel, abgeschalteter Kommentarfuktion oder ständigem Schönreden unserer Multikultiwelt gibt es kein Geld von mir.“

Und das ist noch ein eher freundlicher Kommentar, andere Leser werden noch deutlicher: „Für objektiven, freien, gut recherchierten Journalismus würde ich gern zahlen. Da man diesen bei WO schon lange nicht mehr findet, werde ich mich verabschieden.“ Oder: „Das soll wohl ein Scherz sein. Falls ja, dann war es ein schlechter. Das dürfte voll nach hinten losgehen. Ein Totalversagen mit Ansage. Aber wenn ihr meint …“

Dabei scheinen viele User wohl aber vor allem Angst darum zu haben, ihr geliebtes und überdurchschnittlich häufig frequentiertes Communityforum zu verlieren, wie einige weitere Kommentare nahelegen: „Die Kommentare sind oftmals amüsanter und aufschlußreicher als die Welt-Online Artikel. Kann man die weiterhin kostenlos lesen? Das würde mir schon reichen!“ Ein anderer User schreibt: „Also ich habe immer wieder mal reingeschaut, vor allem die Kommentare meiner Mitmenschen haben mich interessiert und auch manchmal schockiert, wenn ich dafür bezahlen soll, ist mir das bei der Welt nichts wert.“

Die Wut der Leser richtet sich aber auch gegen die “Zensurpolitik” von „Die Welt“, offiziell Nettiquette genannt. Man spricht von der Redefreiheit in Blogs, davon, sich künftig stärker diesen zuzuwenden. Dazu twittert @metronaut halb amüsiert, halb ängstlich:


Viele Welt-User rühmen sich auch, die Paywall, die auf Cookies basiert, bereits mit einfachsten Mitteln umgangen zu haben, fest steht jedenfalls: Sucht man Inhalte von „Die Welt“ gezielt über Google, so kann man auch auf sie zugreifen, wenn man das Limit der vorgeschriebenen 20 Artikel monatlich überschritten hat. Dass man diese Lücken später noch optimieren will, ist zumindest zu erwarten (Stichwort: Leistungsschutzrecht).

Vielleicht modelliert man aber seine Seite auch einfach nach dem Beispiel der taz um, die seit Anfang November mit einer “Pay-Wahl” deutlich aggressiver als bisher um freiwillige Zahlungen wirbt. Es wirkt anscheinend, man nahm laut eigenen Angaben im November 7839,59 Euro ein, für Dezember erwartet die taz nochmals eine Steigerung.

Was da bei „Die Welt“ so höhnisch abgetan wird, könnte durchaus in Erinnerung bleiben. Entweder als epochale Pleite oder als ebenso epochaler Erfolg und Neustart in eine neue Ära des Journalismus. Denn Fakt ist, und das ist das Problem der (gedruckten) Zeitungen eigentlich seit ihrem Bestehen, dass starke Konzentrationsprozesse und ein stetiger Anzeigen-/Auflagen-/Leserschwund die freie Presse hierzulande bedrohen. Überhaupt nur über den (schwindenden) Absatz ihrer Printprodukte können Verlage die Nullnummer Online-Zeitung finanzieren, und hier hat auch der Leser eine gewisse Verantwortung.

Nicht nur gegenüber der Zeitung, sondern gegenüber der Demokratie. Denn deren Sprachrohr soll die Zeitung sein, soll die Leser/Bürger so informieren, dass sie an unserem System teilhaben können. Sie soll alle Meinungen abbilden und so einen Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung liefern, unverzichtbar in einer Gesellschaft, in der alle Macht auch laut Verfassung beim Volk liegt.

Mit dem Beharren auf einer Kostenlos-Kultur im Netz, also auch einem Plädoyer für kostenlosen Journalismus (der natürlich dennoch etwas kostet), geben wir Bürger der Netzwelt unsere Verantwortung gegenüber der Demokratie am Eingang zur großen Gratis-Diskopforte freiwillig ab. Man kann sich natürlich streiten, was überhaupt Qualität im Journalismus ist (Pudding), aber Qualität, wie auch immer definiert, muss uns etwas wert sein.

Freilich wird eine einzige Website in ihrem Bestreben, sich künftig für ihre journalistische Leitsung auch bezahlen zu lassen, kaum langfristig erfolgreich sein, wenn sich nicht das ganze System Internet ändert. Ein guter Vergleich wäre die Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität durch eine präventive Legalisierung: auch das würde nur funktionieren, so lange es überall und zeitgleich unter den gleichen Bedingungen eingeführt würde. Wenn nicht, würden die Konsumenten einfach zum nächsten Anbieter abwandern.

Bis es aber soweit ist, dass das Internet eine große Bezahlzone wird, droht der „Die Welt“ und ihrem Bezahlmodell wohl genau dieses Schicksal.

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr schön, nur das letzte Bild verstehe ich nicht ganz: Die Konsumenten wollen nur bei illegalen Anbietern kaufen?

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