Suche
Suche Menü

Ein Hoch auf die Abendzeitung

Angesichts der Einstellung der Financial Times Deutschland und der Insolvenz der Frankfurter Rundschau sagen viele: Es ist zu spät für die Tageszeitung. Ich glaube: Es ist zu früh für die Tageszeitung. Zu früh am Tag.

Dirk von Gehlen hat in seinem lesenswerten Blogpost „Mein Lob der Tageszeitung!“ etwas Interessantes gefragt: „Wer sagt eigentlich, dass man eine Tageszeitung morgens lesen muss?“ Er verweist mit Recht auf das Konzept einer Abendzeitung, die journalistisch gesehen ja keine neue Erfindung ist. Einige Zeitungen tragen es noch im Namen, im Hamburg etwa das morgens erscheinende Abendblatt oder in München die morgens erscheinende Abendzeitung (wobei es immerhin Vorab-Abend-Versionen gibt).

Die erfolgreichste deutsche Nachrichten-Sendung ist die 20 Uhr-Tagesschau. Sie läuft also weit nach Feierabend (für den Großteil der Bevölkerung). Ich selbst bin ein großer Fan des heute journals (das ich als besser empfinde als die Tagesthemen). Das hat sich ein bisschen so eingebürgert, weil ich häufig um 20 Uhr noch nicht vom Training zurück war. Aber es hat auch inhaltliche Gründe: Ich finde, die beiden Nachrichten-Journale (und mit leichten Abstrichen auch die 20 Uhr-Tagesschau) bieten in ihren guten Ausgaben zweierlei: Sie geben einen Überblick über das Nachrichtengeschehen des Tages und sie vertiefen die wichtigsten Themen sowie ein oder zwei Themen, die mich auch interessieren könnten und teilweise bunter, kultureller oder gar skurril sind.

Das heute journal kann ich sehen, wenn ich den Tag über die Nachrichtenlage verfolgt habe und noch einmal alles zusammengefasst und eingeordnet bekommen möchte. Ich kann es aber auch sehen, wenn ich den Tag über nicht in der Lage war, mich zu informieren und hören und sehen will, was passiert ist.

Eine solche Rolle könnte auch eine echte Abendzeitung einnehmen. Eine Zeitung, die rechtzeitig zum Feierabend fertig ist, so dass ich sie auf dem Rückweg von der Arbeit im Zug oder angekommen daheim lesen kann. Ein ausgeruhtes Blatt, dass mich auf den Stand bringt, was bisher am Tag passiert ist, aber auch ein Stück weiter geht und mir eine Einordnung und Kommentierung bietet – ein gedrucktes heute journal eben.

Eine solche Zeitung sollte auch nicht zu dick sein. Der Zeitaufwand, den ich in sie investieren will, wird sich arg an meiner Zeit und Laune nach der Arbeit orientieren. Da versteht es sich fast von selbst, dass auch etwas Unterhaltung, etwas heile Welt nicht schaden kann – vielleicht eine Fortsetzungsgeschichte oder ein Comic?

Der Knackpunkt wird ein technischer sein. Denn für dieses Modell ist es wichtig, dass Deadline und Zeitpunkt des Lesens nicht zu weit auseinander liegen. Wer schnell drucken kann und einen zügigen Vertrieb hat, kann punkten. Daher bietet es sich an, nicht überregional zu vertreiben, sondern zum Beispiel in einer Stadt. Die so gewonnene Verankerung hilft dann auch, regional präsent zu sein und im Rahmen eines guten Themenmix auch Geschichten aus der Nachbarschaft bieten zu können – und somit sogar mehr als das heute journal.

Die Arbeitsabläufe zwischen Tageszeitung und Online-Redaktion habe ich bereits untersucht und kann sagen, dass sie sich im Fall einer Abendzeitung sowohl im Print, als auch für die Onliner massiv verändern würden. Der Arbeitstag für die Print-Journalisten würde deutlich früher beginnen als bisher, was einen internationalen Fokus womöglich in Richtung Asien und weg von den USA bringen wird. Gerade das frühere Beginnen wäre freilich eine Veränderung, die man einigen Alteingesessenen sicher erst einmal näher bringen müsste.

Eine Abendzeitung bietet online auch die Möglichkeit zu einer neuen Form der Konvergenz: Hier könnte man viel transparenter machen, was für Themen geplant sind, womöglich Zwischenergebnisse der Recherche veröffentlichen. Oder man geht noch einen Schritt weiter und nimmt die Leser an Bord: Man fragt Morgens, welche Themen behandelt werden sollen, stellt gelegentlich vielleicht welche zur Abstimmung, gibt dann kleine Zwischenstände, wie sich die Sache entwickelt. Am Abend kann der Leser dann das Ergebnis begutachten und hat ein bisschen das Gefühl, daran mitgewirkt zu haben.

Eine Abendzeitung könnte funktionieren. Nötig wären eine flexible Redaktion, ein dicht besiedeltes Vertriebsgebiet und eine nah gelegene Druckerei. Idealerweise geht man in der Stadt bereits bestehender Konkurrenz aus dem Weg und ist zudem gut genug vernetzt, auch überregionale Themen behandeln zu können oder sitzt für einige dieser Themen an der Quelle.

Kommt dem Leser da gerade ein Gedanke? Vielleicht sollte die Frankfurter Rundschau es wagen…

Ähnliche Beiträge:

Autor:

Andreas ist überwiegend in Hamburg als Daten- und Medienjournalist tätig. Von Oktober 2008 bis Juli 2012 studierte er an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus. Andreas ist Gründer von YOUdaz und initiierte Elbmelancholie.de mit, dessen Redaktion er aktuell leitet. Er beschäftigt sich besonders mit Innovationen im Journalismus, Redaktionsmanagment und journalistischen Start-Ups.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Ein Hoch auf die Abendzeitung — Carta

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Anti-Spam: Bitte diese kleine Rechnung lösen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.