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Das Leistungsschutzrecht, das wir wirklich brauchen

Der Grundgedanke hinter dem Leistungsschutzrecht ist gar nicht falsch. Nur die Stoßrichtung ist falsch gewählt. Wir brauchen kein Leistungsschutzrecht der Verlage, wir brauchen ein Integritätsschutzrecht der Redaktionen.

Die Feststellung hinter dem Leistungsschutzrecht ist vereinfacht gesagt folgende: Durch das Internet hat sich die Kommunikation verändert, Gatekeeper-Funktionen sind verschwunden, das Kopieren von Inhalten ist einfacher geworden und kann auch vollautomatisch passieren. Das ist erst einmal nicht von der Hand zu weisen. Doch die ökonomisch-rechtlichen Forderungen, die daraus zu schlussfolgern sind, sind nicht identisch mit dem Leistungsschutzrecht der Marke Springer.

Die Devise muss lauten: Nehmen wir unsere Kanonen, mit denen wir auf die Spatzen der News-Aggregatoren schießen, und lasst uns damit die Flugzeugträger der PR anvisieren, die täglich aus Neue ihre Jets starten, um Journalisten mit Pressemitteilungen und Anrufen zu bombardieren.

In deutschen Redaktionen landen täglich Tonnen an Pressemitteilungen. Nicht wenige PR-Agenturen rufen zudem davor und danach zusätzlich noch an, um sicher zu gehen, dass die E-Mail auch wirklich angekommen ist – als ob ein aggressiver Hund den Bits auf dem Weg ins Postfach in die Hose beißen könnte.

Doch was ist die Motivation hinter diesen Pressemitteilungen: Im überwiegenden Fall, ich möchte fast sagen zu mehr als 99 Prozent, ist es der Wunsch nach kostenloser Werbung. Ein Unternehmen hat ein neues Produkt und will, dass die Menschen davon erfahren. Als Journalist sage ich: Dann kauf dir eine Anzeige. Die PR jedoch schickt lieber zig E-Mails raus. Das Traurige: Es funktioniert.

Das muss aufhören! Jedes Unternehmen kann heute selbst ohne Vermittler seine Kunden erreichen. Eine eigene Website, darauf ein eigener Newsroom, zudem Profile in sozialen Netzwerken – so einfach könnte die Lösung sein. Wenn sich ein Journalist aktiv für ein Unternehmen interessiert, kann er dann genau dort nachsehen.

Für unaufgefordert eingesandte Pressemitteilungen sollte eine Gebühr anfallen.

Jede dieser Pressemitteilungen raubt dem Journalisten Arbeitszeit und somit auch seinem Verlag. Zeit ist bekanntlich Geld.

Wenn ein Unternehmen in einem Medium vorkommen will, soll es dafür zahlen. Entweder den Preis für eine Anzeige, die es dann sicher bekommt, oder die Lizenzgebühr für eine Pressemitteilung, die unter Umständen zu einer Berichterstattung führt.

Kritiker werden sagen, so verschwimmt die Grenze zwischen redaktionellen Inhalt und Anzeigen. Die Wahrheit ist: Das ist sie längst. Eine PR-Gebühr würde den Effekt vielleicht sogar zurück schrauben.

Andere werden sagen: Auch die Medien profitieren durch die Pressemitteilungen. Wie bereits erwähnt, könnten diese die Mitteilungen ja durchaus verlangen oder sich aus den News-Angeboten der Unternehmen selbst holen. Doch selbst wenn Sie nichts mehr bekommen könnten: Dann hat die Redaktion wieder mehr Zeit für echten Journalismus. Zeit, um mal wieder eine investigative Recherche oder eine intensive Reportage zu bewerkstelligen. Die machen wir Journalisten sowieso viel lieber. Und außerdem werden sie doch angeblich immer vermisst.

Die Unternehmen, die sich nun von diesem Vorschlag angegriffen fühlen könnten, sollen nur mal versuchen, ohne Journalisten auszukommen. Mal sehen, wie erfolgreich sie mit ihren schlecht formulierten, rosa-roten Pressemitteilungen wirklich beim Kunden kommen. Vielleicht ist die Leistung des Journalisten doch etwas wert?

Selbstverständlich sind es nicht nur Unternehmen im Sinne von Firmen, die mit Pressemitteilungen um sich werfen und mit ungefragter Inanspruchnahme von Journalisten auffallen. Vereine, Parteien, sogar die Regierung stehen ihnen um nichts nach. Und die großen Medienhäuser gehören ebenfalls mit zu den schlimmsten PR-Schleudern. Ein Grund sich an die eigene Nase zu fassen.

Ja, wir brauchen ein Leistungsschutzrecht. Aber nicht gegen Aggregationen, die unsere Leistung – pessimistisch ausgedrückt – zweitverwerten, sondern gegen Unternehmen (und Parteien, Vereine, Regierungen), die unsere Leistung für ihre Zwecke kostenlos und wie selbstverständlich in Anspruch nehmen.

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Über den Autor

Andreas Grieß

Andreas lebt in Hamburg und ist dort als freier Online- und Medienjournalist tätig. Zuvor hat er von 2008 bis Juli 2012 an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus studiert. In seinem Praxissemester war er bei Spiegel Online und taz.de aktiv. Andreas ist Gründer von YOUdaz.com. Homepage: www.andreasgriess.de Twitter: @youdaz

8 Kommentare

3 Pings

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  1. phil

    das ist Satire, oder?

    1. Daarin

      Mir kommt dieses Leistungsschutzrecht sinnvoller vor als das Springersche. Nur sollte man dazu sagen, dass man das was man damit erreichen könnte, auch mit einfacheren Mitteln erreichen kann, wie dem konsequenten ignorieren von PR-Meldungen.

    2. Alexander von München

      Es wirkt auf mich viel satirischer, dass Presseverlage versuchen, Geld dafür zu verlangen, dass Google ihre Erzeugnisse besser sichtbar und auffindbar macht.
      Einerseits finden die Verlage, Google müsse sie für die Indizierung von Artikeln bezahlen. Andererseits sind sie der Meinung, Google müsse im Zweifelsfall per Gesetz dazu gezwungen werden, ihre Artikel zu indizieren weil man die gesteigerte Reichweite und die Klicks, die von Google News kommen, eben auch nicht missen möchte.

      DAS ist doch Realsatire. Die Forderung, dass Werbung als solche bezahlt werden soll scheint dagegen völlig konservativ.

      Pressemitteilungen leicht umzuformulieren und als “Qualitätsjournalismus” zu verkaufen, ist mies. Würde man jedenfalls meinen. Findet die Presse aber toll.
      Benutzerströme von Google News auf die eigene Seite geleitet zu bekommen, ist auch toll. Würde man jedenfalls meinen. Findet die Presse aber mies, solange Google ihnen zusätzlich zum Service auch noch Geld gibt.

      Das Problem ist, dass die öffentliche Meinung eben von denen geschaffen wird, die hier knallharten Lobbyismus für sich selbst betreiben. Auch wenn es zwischen zwei Krähen manchmal zum Kampf kommt hat sich bis jetzt noch keine Krähe selbst ein Auge ausgehackt.

  2. macsash

    So wie kein Verlag gezwungen wird, bei Google zu erscheinen, so wird auch keine Redaktion gezwungen, PR als Artikel zu verkleiden.

    Hört auf zu lamentieren und kriegt den Arsch hoch, bevor es zu spät ist anstatt nach Gesetzen zu schreien.

    1. Andreas Grieß

      Das ist natürlich vollkommen korrekt. Niemand ist gezwungen, die PMs zu verwursten. Und es wäre gut, wenn sich mehr darüber klar werden und demnach handeln. Das Problem ist aber ein wenig die Erwartungshaltung. Ich schreibe ja auch, dass die Verlage mit die krassesten PR-Schleudern sind. Da wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass etwas nachrichtenrelevant ist. Das is schlimme Vermischung vo PR und Journalismus in den Köpfen. Das Problem ist auch, dass es vielen neuen Kräften eingehämmert wird. Wie sagt ein Kollege immer so schön: Wer Jung ist, kann sich Idealismus noch leisten.

      Mit dem Text will ich daher auch ein bisschen die Branche dazu motivieren, mehr “Eier” (wie Oli Kahn sagen würde) zu haben und sich von der PR zu lösen. Das könnte sich eben auch finanziell lohnen. Dafür Gesetzliche Reglungen zu schaffen wäre vermutlich überzogen – wenngleich deutlich sinnvoller als gegen Google. Aber häufiger mal ein: “Nein, interessiert uns nicht, aber ich verbinde Sie gerne zu unserer Anzeigenabteilung” – das wäre schon was

      1. Müller

        Volle Zustimmung.

        Wir haben Anfang des Jahres angefangen umzustellen. Allerdings hat das für ziemlichen Ärger und Gegenwind gesorgt.

        Nur die wenigsten Pressestellen sehen ein, dass sie für Werbung zahlen sollen. Die meisten sind erstaunt, denn in ihren Augen liefern sie uns Content für den Betrieb unserer Seiten, der möglichst lückenlos und aktuell online gestellt werden soll. Natürlich nach einer redaktionellen Bearbeitung. Wir hatten auch schon Scherzkekse, die tatsächlich der Meinung waren, wie sollten eigentlich sie bezahlen, weil sie uns mit einer PM bedachte haben und andere Online-Redaktionen schlussendlich auch keine Gegenleistung verlangten und stattdessen sogar äußerst dankbar für PM seien.

        Dabei nimmt die Anzahl an PM stetig zu und kaum einer fragt sich, wie die Leute bezahlt werden sollen, die sich der Flut an Meldungen stellt. Selbst die Sichtung kostet bereits Zeit und Geld.

    2. A Comment

      Auch das Ignorieren von PR sollte Zeit kosten, nur halt nicht soviel wie darauf einzugehen. Wenn da täglich Dutzende Mails ankommen ist das Durchsichten dieser auch schon zeitintensiv, das Abwimmeln von PR-Leuten ebenfalls. Ja, keiner zwingt die Redaktionen, Artikel drauszumachen, aber auch wenn mans nicht macht hat man schon etwas Zeit und damit Geld für die Anfragen verschwendet. Dass die beschriebene Mentalität der PR-Leute mal angesprochen wird finde ich legitim.

  3. JCdaKline

    “Jede dieser Pressemitteilungen raubt dem Journalisten Arbeitszeit und somit auch seinem Verlag. Zeit ist bekanntlich Geld”

    Das sieht der Autor nur aus der falschen Perspektive.

    Aus Sicht ihres Arbeitgebers ist das sehr günstiges Füllmaterial, für das man nicht mal richtige Journalisten braucht. Nur eine Horde Billig-Praktikanten die den ganzen Spam aus den eMails copy-pasten.

    Seien Sie lieber froh das Sie diese verantwortungsvolle Tätigkeit machen dürfen. Dafür hats ihr Hintern warm im Winter und sie haben nen Stuhl bei der Arbeit.

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