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Ach, Journaille, was habt ihr plötzlich mit dem iPhone 5?

Das iPhone 5 ist da und zum ersten Mal hinterfragen Journalisten, was sie da eigentlich machen, wenn sie blind die Marketing-Botschaften eines Technikkonzerns verbreiten. Doch statt nun zum ersten Mal objektiv an die Sache heranzugehen und das Produkt und seine Entwicklung neutral zu beurteilen, scheinen sich die Technikjournalisten dieses Mal dazu entschlossen zu haben, gemeinsam das iPhone 5 für Schrott zu erklären.

Dass das ebenso wenig angebracht ist, wie die aus den letzten Jahren bekannten Lobpreisungen und Dankesbekundungen Steve Jobs gegenüber, scheint dabei niemandem aufzufallen.

Was war dieses Jahr anders als in den Jahren zuvor? Steve Jobs Abwesenheit kann es nicht gewesen sein. Er stand zum letzten Mal beim iPhone 4 auf der Bühne. Nun muss es sich also tatsächlich um ein schlechteres Produkt handeln. Doch war der Entwicklungsschritt vom 4S zum 5 wirklich kleiner, als der vom 4 zum 4S? Oder gab es den gigantischen Sprung in die technische Zukunft vom 3GS auf das iPhone 4? Nein. Im folgenden Vergleich möchte ich einige wichtige technische Zahlen herausstellen, links steht immer das jeweilige „neue“ iPhone. Hier die Zahlen:

Der Bildschirm

iPhone 5 640×1136 (4 Zoll) 640×960 (3,5 Zoll) iPhone 4S
iPhone 4S Haben denselben Bildschirm. iPhone 4
iPhone 4 640×960 480×640 iPhone 3GS

Arbeitsspeicher

iPhone 5 1 GB (unbestätigt) 512 MB iPhone 4S
iPhone 4S Haben denselben Arbeitsspeicher. iPhone 4
iPhone 4 512 MB 256 MB iPhone 3GS

Prozessor

iPhone 5 Apple A6 Apple A5 iPhone 4S
iPhone 4S Apple A5 Apple A4 iPhone 4
iPhone 4 Apple A4 Samsung S5PC100 ARM iPhone 3GS

Betriebssystem

iPhone 5 iOS 6 iOS-Update möglich iPhone 4S
iPhone 4S iOS-Update möglich iOS-Update möglich iPhone 4
iPhone 4 iOS-Update möglich iOS-Update möglich iPhone 3GS

Kamera

iPhone 5 8 MP 8 MP iPhone 4S
iPhone 4S 8 MP 5 MP iPhone 4
iPhone 4 5 MP 3 MP iPhone 3GS

(Natürlich sind Megapixel nicht allein ausschlaggebend für die Qualität der Kamera und MHz nicht der einzige Parameter, der für die Bewertung des Prozessors zählt. Die Zahlen zeigen aber doch die Entwicklung.)

Aus der Tabelle ist abzulesen: Es gab immer kleine, aber feine Unterschiede. Größere Bildschirme, bessere Auflösungen, schnellere Prozessoren, durchdachtere Betriebssysteme. Eben all die Punkte eines technischen Gerätes, die sich mit der Zeit weiterentwickeln lassen. In den letzten Jahren wurden diese Unterschiede gefeiert, nun sind sie marginal. Die Meldungen überschlugen sich damals in ihrer Anzahl, ebenso die Journalisten in ihrem Lob. Nun mosern alle, das neue iPhone sei langweilig.

An der Evolution des iPhones an sich kann es also ebenso wenig liegen wie am Ableben von Steve Jobs.

Liegt es dann an den Konkurrenten anderer Hersteller, die sich zum jeweiligen Präsentations-Zeitpunkt eines iPhones auf dem Markt befanden? Manch einer würde sagen: Ja. Und, wer aufgrund technischer Spezifikationen entscheidet, muss dem beim iPhone 5 zustimmen. Es gibt technisch weiterentwickelte Smartphones als das iPhone 5.

Doch auch den anderen iPhones standen mächtigere, schnellere, ja – bessere Konkurrenten gegenüber. Das iPhone 4S kam etwa zeitgleich mit dem Galaxy Nexus von Google/Samsung auf den Markt. Das Nexus hat…

  • den zweifachen Arbeitsspeicher eines iPhone 4S.
  • einen AMOLED Bildschirm mit 720×1280 Pixeln (316ppi) und einer Größe von 4,65 Zoll, das iPhone 4S jämmerliche 640×960 bei 326ppi.
  • eine schnellere Downloadrate von 21 MBits/s gegen 14,4 beim iPhone 4S.
  • einen schnelleren Prozessor: 1,2 GHz Dual Core, gegen 0,8 GHz Dual Core. (beide Hauptprozessor: ARM Cortex A9)
  • weniger Gramm auf den Rippen: 135g vs. 140g beim iPhone 4S.
  • eine bessere Kamera, es lädt mit jedem USB-Kabel, der Akku hält länger und kann ausgetauscht werden (ohne es dafür abgeben zu müssen und viel Geld auszugeben).
  • günstigere Peripherie: Der MHL-HDMI Adapter kostet etwa 10 Euro. Bei Apple werden 39 fällig.

Es kann also auch nicht an mangelnden überlegenen Konkurrenten gelegen haben, dass sich die Journalisten gerade jetzt von ihrer Rolle als Apple-Jünger emanzipieren möchten. Denn es gibt heute bessere Smartphones als das iPhone 5, wie es sie auch bei den anderen iPhones bessere Smartphones gab.

Die Stimmung kippt aber erst jetzt. Und das liegt nicht an objektiven, nachvollziehbaren Marktbedingungen oder technischen Merkmalen des Produkts. Es liegt am Agenda-Setting der Journalisten und den blinden Scharen an Nachäffenden.

Wie immer ist das iPhone ungerechtfertigter Weise Marktführer, obwohl es technisch unterlegen ist. Apple und den Entwicklern aber den Vorwurf zu machen, das iPhone würde sich langsamer weiterentwickeln als bisher, ist nicht haltbar. Das iPhone 5 hat sich weiterentwickelt. Nicht besonders, aber das haben auch das 3GS, 4 und das 4S nicht getan. Es waren immer kleine Verbesserungen im Vergleich zum Vorgänger: Mehr Pixel, schnellere Prozessoren, eine andere Antenne, neue Anschlüsse, bessere Bildschirme. Faktisch hat sich hier also nichts im evolutionären Gang verändert.

Die technische Diskussion ist nun abgehakt, kommen wir zu dem, was das eigentliche Verkaufsargument für alle iPhones ist: Software und Design. Die Alu-Rückseite wird schneller verkratzen als es das Glas bisher getan hat, zerbrochene iPhone-Rückseiten werden ab jetzt aber nicht mehr allzu häufig auftreten. Ob sich die Antenne tatsächlich vom 4S unterscheidet, möchte ich bezweifeln. Glas und Alu machen optisch mehr her als die Plastikhüllen anderer Hersteller, dafür lassen sich diese im Schadenfall leichter und günstiger austauschen. Es handelt sich hierbei schlicht um eine Frage des Geschmacks, wenn man sich aufgrund des Äußeren für oder gegen ein iPhone entscheidet.

Worauf sich mein iPod 4 touch und ich aber freuen, ist iOS 6. Das nun Siri für alle bringt Unterstützt werden nur das iPhone 4S, 5 und iPad3 (braucht aber keiner) und diverse neue Funktionen, und Verbesserungen im Vergleich zu iOS 5 mitbringt:

  • neue Karte mit integriertem Navi (das Galaxy Nexus hats vorgemacht)
  • zentrale Datenschutzeinstellungen für alle Apps, individuelle Zugriffsrechte für Apps (Google hats vorgemacht)
  • formatierbare Mails (kleine aber feine Verbesserung)
  • ÖPNV in der Karten App (Google hats vorgemacht)
  • globale „Nicht stören“-Funktion, mit der die Nachtruhe eingehalten wird, sich aber Mutti als „darf auch nachts klingeln“ einstellen lässt
  • anpassbarer Kinder-Modus
  • eingebautes Duden-Wörterbuch (wird wahrscheinlich genau so nerven, wie die Auto-Korrektur bisher, nun aber zumindest mit fundierten Einträgen)
  • und endlich eine Umlauttastatur

Wie aus den Anmerkungen erkennbar, sind die Entwicklungen auch hier nicht besonders innovativ, aber sie machen Spaß und sorgen für einen leichteren Umgang mit Technik.

Noch nie war es klug, ein iPhone einem gleichwertigen Smartphone vorzuziehen, wenn man auf das Preisleistungsverhältnis achten wollte. Der Kauf eines Apple-Produkts ist ein emotionaler Vorgang, ähnlich der Entscheidung für ein Kind. Wer einmal Apple kauft, wird dabei bleiben.

Technikbegeisterte, die nach der schnellsten, schärfsten, neuesten Technik suchen, sind mit anderen Produkten besser bedient. Dass sich daran seit den letzten iPhone-Präsentationen nichts geändert hat, scheint vielen Journalisten nicht aufzufallen. Das iPhone 5 hat ihnen nun aber wohl die Augen geöffnet.

Maybe that’s no bug, but a feature.

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Autor:

Pascal studiert an der Katholischen Universität Eichstätt Journalistik mit Schwerpunkt Innovation und Management. Seine Bachelorarbeit zum Thema Integration sozialer Medien in öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen hat er zusammen mit Martin an der Hochschule Darmstadt geschrieben.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Pottblog

  2. Guter Artikel! Es gibt aber einen gravierenden Unterschied zwischen dem 3GS und nachfolgenden: Das iPhone ist nicht mehr abgerundet hinten, sondern eckig. Ab dem 4er liegt es, meiner Meinung nach, besser in der Hand. Des Weiteren ist zwar ein Update auf iOS6 auch bei älteren Geräten möglich, es können aber nicht alle Funktionen genutzt werden (da wäre Apple ja auch blöd, würden sie das zulassen).
    Ich vermute mal, vielen liegt so viel am iPhone, weil es die Welt „verändert“ hat. Daher wollen sie immer wieder aufs Neue dabei sein wenn es etwas neues gibt. Da ist denen auch der Preis egal!

    Einerseits bin ich nun glücklich mit meinem nicht iPhone, andererseits ärgert es mich doch manchmal, wenn es super coole Apps nur für iOS und nicht für Android gibt. Wobei es aber auch super coole Apps für Android und nicht für iOS gibt. Irgendwie gefällt mir das Design der iOS-Apps dann aber doch besser…

    Ich bin nun mal gespannt, was die Presse ab Freitag dann alles berichten wird, wenn sie das iPhone 5 selbst einmal in der Hand halten darf/kann.

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