Der Streit um die Tagesschau-App nähert sich einem neuen Höhepunkt. Alles läuft derzeit darauf hinaus, dass ein Gericht in dem Streit zwischen dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und der ARD entscheiden muss. Das Branchen-Magazin DWDL.de berichtete am Freitag, 14. September, dass auch Kurt Beck, der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, eine Verhandlungslösung zwischen den zerstrittenen Parteien lieber wäre. DWDL.de zitiert den Ministerpräsidenten aus Rheinland-Pfalz mit : “Setzt euch zusammen!”
Doch wer sollte diese Lösung herbeiführen? Auf die Idee, das ausgerechnet der Präsident des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger, Hubert Burda, ein Vermittler sein könnte, brachte uns folgende Recherche:
Wer sucht, der findet – die Agentur Cellular
Wir haben uns bei YOUdaz Media gefragt: Wer hat eigentlich die App programmiert, um die sich der Streit dreht? Wer hat die tagesschau-App so gut gemacht, dass sie den Grimme Online Award 2012 gewonnen hat?
Eigentlich sollte uns das Impressum in der App mehr darüber verraten, doch im Gegensatz zu anderen Apps enthält die tagesschau-App keine Informationen darüber, wer für die technische Umsetzung verantwortlich ist.

Johannes arbeitet für Cellular, einer Agentur, die unsere Mein BASE App erstellt hat und die Tagesschau App und die TV Spielfilm App und und und…

Hamburg, 21. Juni 2012 – Jubel bei der tagesschau und bei CELLULAR:
Die erfolgreiche tagesschau-App wurde bei der Verleihung des Grimme Online Awards 2012 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. In der von CELLULAR konzipierten und realisierten App vereinen sich Qualitätsnachrichten mit technisch bester Umsetzung für den smarten Markt – sie liegt damit bei den Nutzern an erster Stelle, wenn es darum geht, die Nachrichten jederzeit und überall verfügbar zu haben.
Die Beliebheit der App schlägt sich auch in den Download-Zahlen nieder: Sie wurde bis dato 4 Millionen Mal heruntergeladen. Das hoch qualifizierte und erfahrene Team aus Kreativen, Entwicklern, QA und Projektmanagement setzte die App für iPhone, Blackberry, Android sowie iPad um. CELLULAR ist neben der Konzipierung und Design-Umsetzung auch für die technische Realisierung und Betrieb der tagesschau-App verantwortlich.
Cellular ist also die richtige Adresse für unsere Suche. Wenn aber Folgendes zutrifft: “CELLULAR ist neben der Konzipierung und Design-Umsetzung auch für die technische Realisierung und Betrieb der tagesschau-App verantwortlich” – Warum ist Cellular dann nicht im Impressum der tagesschau-App aufgelistet?
Apps für die großen der Medienbranche
Diese Frage stellten wir uns tatsächlich, denn Cellular ist nicht nur für die tagesschau-App verantwortlich. Ein Blick auf die Kundenliste des Unternehmens zeigt die großen Namen in der Medienbranche: Frankfurter Allgemeinde Zeitung, Hörzu, Kabel 1, Brigitte, Financial Times Deutschland, icq, Microsoft, Focus, wie auch Tomorrow Focus.
Ein Blick in das Impressum der Focus-App zeigt, dass die Frage: “Warum ist Cellular dann nicht im Impressum der tagesschau-App aufgelistet?” berechtigt ist:

Unter “Konzeption, Design und technische Umsetzung” ist hier die “CELLULAR GmbH” mit Sitz in Hamburg aufgeführt. Auch in der “Financial Times Deutschland”-App ist Cellular im Impressum genannt – dort unter dem Titel “Technische Umsetzung und Support”.
Ist das Hamburger Unternehmen also nur ein erfolgreiches Start-Up und die ARD will nicht mit dem Unternehmen in Verbindung gebracht werden? Oder ist Cellular Teil eines großen Konzerns?
Wer steht hinter der Cellular GmbH?
Auf der Cellular-Seite “Company” steht dazu:
1999 startete CELLULAR als Innovation Center der Tomorrow Internet AG, seit 2005 firmiert das Unternehmen unter seinem heutigen Namen.
Auf heise.de lässt sich aus dem Jahr 2001 eine Meldung zur Tomorrow Internet AG finden, darin heißt es:
Die beiden Internetunternehmen Focus Digital und Tomorrow Internet gehen mit hohen Verlusten in die gemeinsame Ehe. (31.08.2001)
Ein Link in dieser Meldung führt auf die Meldung, die die Fusion Anfang August 2001 ankündigte. Dort schreiben die heise-Autoren: “Focus Digital wurde von der Burda-Gruppe zur Bündelung aller Online-Aktivitäten gebildet und an die Börse gebracht. Zu der Firma gehört unter anderem auch der Online-Auftritt des Wochen-Magazins Focus.”
Hat Burda also an der tagesschau-App mitverdient?
Ein Blick in das Pressemeldungscenter auf tomorrow-focus.de lässt vermuten, dass Burda an der Entstehung der Tagesschau-App beteiligt ist, denn dort findet sich ebenfalls die Pressemeldung zum Grimme Online Award und dem Preis für die tagesschau-App:

Es wird gemäß § 264 Abs. 3 Nr. 4 lit. b) HGB mitgeteilt, dass die Cellular GmbH von der Anwendung der Vorschriften der §§ 264 bis 288 HGB, von der Aufstellung eines Lageberichts sowie von der Offenlegung des Jahresabschlusses zum 31. Dezember 2011 befreit ist. Die Gesellschaft ist in den Konzernabschluss 2011 ihres Mutterunternehmens, der TOMORROW FOCUS AG, München, einbezogen.
Ein Blick in den Geschäftsbericht der Tomorrow Focus AG (PDF, 19,1MB) von 2011 ergibt außerdem: Zum 31. Dezember 2011 hielt das zum Burda-Konzern gehörende Unternehmen 100 Prozent der Anteile am Kapital der Cellular GmbH in Hamburg.
Die Kläger gegen die öffentlich-rechtliche App
Kommen wir noch einmal zurück zu den Klägern. Es sind die Tageszeitungs-Verlage, die die Klage unterstützen: Die WAZ, der Axel Springer Verlag, die “Süddeutsche Zeitung”, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”, die Medienholding Nord, M. DuMont Schauberg und Lensing-Wolff sowie die “Rheinische Post”.
Zurückhaltend sind dagegen die Zeitschriftenverleger. Wahrscheinlich, weil eine Tochterfirma des Hubert Burda Medienkonzerns die App entwickelt hat. Vielleicht aber auch, um die Zeitungsverleger zum Buh-Mann zu machen, während die Zeitschriftenverleger zusehen und ein für sie gutes Ergebnis geliefert bekommen. Der Verband deutscher Zeitschriftenverleger hält nämlich “die von acht Verlagen initiierte Klage gegen die Tagesschau-App für in der Sache richtig. “
In der Pressemitteilung vom 22. Juni 2011 heißt es weiter:
Was wir vermissen, sind ernsthafte Kooperationsangebote, die zu einem Gleichklang der Interessen führen können. (…) VDZ-Präsident Prof. Dr. Hubert Burda hatte sich bereits im November im Meedia-Interview kritisch über die kostenlosen Apps der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten geäußert.
Hubert Burda sagte in diesem Interview:
Wenn wir wirklich das Gefühl haben, dass ARD und ZDF da unfair sind, dann gehen wir dagegen an. Sie dürfen die Entfaltungsmöglichkeiten der privaten Medienhäuser nicht unterwandern. Wenn ARD und ZDF eine Demarkationslinie überschreiten, werden wir uns wehren.
Dürfen wir also davon ausgehen, dass Burda die “Demarkationslinie” nicht überschritten sieht, weil er sich nicht der Klage der Zeitschriftenverleger anschließt? Vielleicht wäre Burda also tatsächlich ein Vermittler im andauernden Streit, denn aus finanzieller Sicht muss er doch ein Interesse daran haben, dass die Prestige-tagesschau-App weiter von Cellular betreut wird.






5 Kommentare
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Martin
16/09/2012 von 13:24 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Ich verstehe die Schlussfolgerung nicht so ganz. Welches Interesse sollte ausgerechnet Hubert Burda, der ja nun nicht unbedingt als Freund des öffentlich-rechtlichen Online-Angebotes bekannt ist (vgl. z.B. hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/gespraech-mit-dem-verleger-hubert-burda-wie-ard-und-zdf-den-wettbewerb-verzerren-1548773.html) daran haben, einen Kompromiss auszuarbeiten, der beiden Seiten gerecht wird – oder gar die Realitäten im Sinne des ö-r Rundfunks anerkennt? Bloß, weil ein kleines Unternehmen, an dem Burda (wie auch immer) beteiligt ist, das Ding programmiert hat und damit Umsatz generiert (der aber sowieso im Promille-Bereich des Gesamt-Burda-Ergebnisses liegen dürfte!), wird der Mann sicher nicht alle seine Überzeugungen über Bord werfen. Nein, das kann ich wirklich nicht glauben.
Martin Krauß
16/09/2012 von 14:12 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Es geht ja nicht darum, dass Burda seine Überzeugungen über Bord werfen soll – oder würde. Die Situation ist verfahren und – wie du richtig anmerkst – das ist schon seit Jahren so. An dem unsäglichen Depublizieren der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist gerade Burda nicht ganz unschuldig. Dennoch hat er mit Sicherheit ein Interesse daran, dass das Aushängeschild seiner Cellular GmbH nicht vollends beschädigt wird. Burda ist über Tomorrow Focus zu 100 Prozent an dem Unternehmen beteiligt. Zudem ist Cellular eigenen Angaben zu Folge “eine der führenden Adressen für mobile und smarte Lösungen (iPhone, iPad, Android, WP7, Smart-TV, Smart-Devices, FeaturePhones) im europäischen Markt”.
Bisher dürfte der Streit um die tagesschau-App die User, die sie noch nicht installiert hatten, wahrscheinlich eher neugierig gemacht haben. Wenn aus ihr allerdings eine reine Video-App wird, dann ist sie kaum noch relevant – weder für die User, noch für die App-Hersteller.
Aber zu deiner Frage: “Welches Interesse sollte ausgerechnet Hubert Burda (…) daran haben, einen Kompromiss auszuarbeiten”? Seine zentrale Forderung aus dem F.A.Z.-Interview hat Burda erfüllt bekommen. Die Inhalte der öffentlich-rechtlichen Angebote sind nur begrenzt verfügbar, das trifft auch auf die Inhalte der App zu.
Hinzu kommt nun, dass bereits zwei Jahre später (21.12.2010) die Pressemitteilung von Cellular veröffentlicht wurde: “http://www.cellular.de/2010/12/21/hamburger-full-service-agentur-cellular-macht-die-tagesschau-vierfach-mobil/” – Mit Sicherheit war Burda über diesen Auftrag im Vorfeld informiert.
Eine spätere explizite Wortmeldung zur App von Burda ist mir nicht bekannt und die Pressemitteilung des Zeitschriften Verlegerverbandes vom Sommer 2011 beruft sich auf ein Meedia-Interview vom 16.11.2010. Dieses wurde nur wenige Monate vor der Bestätigung, dass Cellular an der App arbeitet, geführt und enthält keine explizite Äußerung zur tagesschau-App.
Burda hält sich auffällig zurück, was darauf schließen lässt, dass er mit der tagesschau-App oder dem Streit darum Interessen verbindet, die über eine Abschaffung der App hinausgehen. Da Burda Verleger und über Cellular auch an der Entwicklung der App beteiligt ist, könnte die Bereitschaft ihn als Schlichter zu akzeptieren auf beiden Seiten vorhanden sein.
Martin
16/09/2012 von 23:43 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Doch, ich glaube schon, dass Burda seine Überzeugungen, für die er Jahre lang eingetreten ist, über Bord werfen müsste, um als Vermittler akzeptiert zu werden. An dem Schwachsinn des Depublizierens war Burda eben nicht nur “nicht ganz unschuldig”, sondern im Gegenteil mit seiner Lobbyarbeit durch den VDZ eine der treibenden Kräfte. Und Intendanten sind da auch ein bisschen Elefanten (so rein gedächtnismäßig, natürlich…). Man könnte deine Argumentation übrigens auch so drehen, dass Burda gerade daran gelegen sein müsste, den öffentlich-rechtlichen App-Wettbewerber tagesschau.de vom Markt zu drängen, um dann für SZ, RP Online, WAZ & Co. richtig Kohle machen zu können, da ja die Downloadzahlen dieser (natürlich von Cellular entwickelten) Apps nach dem Aus für die “gebührenfinanzierte” Konkurrenz erst recht boomen dürften. You get it? Außerdem verbindet Burda mit dem App-Streit natürlich Interessen, die über eine Abschaffung der App hinausgehen. Er verfolgt wie schon in der Vergangenheit seine ganz eigenen Ziele. Und genau darum wird er von den öffentlich-rechtlichen Gremien wohl eher nicht als Vermittler akzeptiert werden. BTW: Ich glaube generell nicht, dass sich ein “Vermittler” in die Gespräche einschaltet und dann ein für beide Seiten akzeptables Ergebnis herauskommt. Die Sache läuft nach allem, was man hört, entweder auf einen haushohen juristischen Sieg der ARD hinaus oder eben auf einen typisch Pielschen Kompromiss, mit dem am Ende vor allem die Verleger zufrieden sein werden.
Martin Krauß
17/09/2012 von 13:07 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Okay, du siehst meine These anders und die “Elefanten” sind ein Argument. Wenn wir aber schon nicht darüber übereinstimmen, welche Rolle Burda spielen könnte, bleibt dennoch die Beobachtung: Burda hält sich mit einer (vor allem auch eindeutigen) Stellungnahme zu der App zurück. Warum?
Wenn du mit der Argumentation Recht hättest, …:
…dann könnte Burda sich doch über den Zeitschriften-Verlegerverband gegen die App in der jetzigen Form positionieren. – Das tut er aber nicht. Stattdessen hieß es 2011 vom Verband nur, die Klage sei “in der Sache richtig”. Deswegen hakt es auch, wenn du meine Argumentation umdrehst. – Aber, was heißt “in der Sache richtig”?
Sicher, den Verlegern ist es ein Dorn im Auge, das die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sich vermeintlich im Internet unter weniger Kostenzwängen bewegen können und so aus Verlegersicht den Wettbewerb verzerren würden. – Deswegen forderte Burda 2008, dass die Inhalte nur sieben Tage online sind. Diese Forderung hat er erfüllt bekommen. Was erhoffen sich aber nun die Zeitschriftenverleger, besonders wenn alles
Was kommt denn da auf den Online-Journalismus zu?
Martin
18/09/2012 von 22:46 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Was da auf den Onlinejournalismus zukommt, kann ich dir leider auch nicht genau sagen. Aber Frau Piel darf man da durchaus Einiges zutrauen – gilt sie doch nicht gerade als Online-Expertin, die die Interessen der öffentlich-rechtlichen Netzableger bis aufs Letzte vertritt. Ob Burda in diesem ganzen Schmierentheater nun noch eine Rolle spielen wird oder nicht, werden wir sehen. Letztendlich wird sich an dieser Person der Konflikt mit den Verlegern wohl aber eher nicht entscheiden. P.S.: Ich vermisse hier im Blog eine Funktion, die Kommentare eines einzelnen Beitrages per RSS abonnieren zu können. Vielleicht könnt ihr da ja mal nachrüsten. Wäre super!
Wie die Online-GEZ aussehen könnte » YOUdaz.com
07/01/2013 von 13:04 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] sich im vergangenen Jahr sowohl mit Google (Leistungsschutzrecht) als auch der ARD (tagesschau-App) anzulegen, hätten die Verlage in Deutschland, zumindest diejenigen, die online aktiv sind, ihre [...]
Wie die Online-GEZ aussehen könnte — Carta
10/01/2013 von 15:19 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] sich im vergangenen Jahr sowohl mit Google (Leistungsschutzrecht) als auch der ARD (tagesschau-App) anzulegen, hätten die Verlage in Deutschland, zumindest diejenigen, die online aktiv sind, [...]
ZDFheute-App nun auch für Tablets » YOUdaz.com
08/04/2013 von 13:12 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] sieht.” Der Verband setzt sich mit einer ähnlichen Begründung bereits mit der ARD wegen der Tagesschau-App [...]