Der Streit zwischen den Verlegern, den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und der Netzgemeinde zieht sich in die Länge. Youdaz.com Autoren nehmen sich die Forderungen und Entwicklungen in unserer Sommerserie vor und fragen sich dabei auch: Welche Konsequenzen hat all dies für den Journalismus?
Einige Menschen glauben, es handle sich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk um Staatsfernsehen, doch genau das ist es nicht. Die ARD wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nach dem britischen Modell der BBC aufgebaut – öffentlich-rechtlich. Die Politik hat keinen direkten Einfluss auf das Programm, wohl aber auf Teile der Gremien. Der Fall Nikolaus Brender hat Ende 2009 eine Diskussion darüber entfacht, inwieweit die Politik die Strippen bei den Öffentlich-Rechtlichen in der Hand hält.
Neben der Staatsferne haben ARD und ZDF noch weitere Programmaufträge. Dies sind unter anderem umfassende und wahrheitsgemäße Information, aber auch das Verbreiten von Bildung, Kultur und Unterhaltung. Die Idee dahinter: Sollte die komplette private Fernsehbranche verschwinden, wird es den Zuschauern trotzdem an nichts Substantiellem fehlen.
ARD und ZDF spüren Quotendruck
Doch halten sich die Öffentlich-Rechtlichen überhaupt noch an ihren Programmauftrag? Keine Frage, auch für die Chefs von ARD und ZDF ist es schwer geworden, ihre Sender erfolgreich auf dem Fernsehmarkt zu halten. Immer öfter, so scheint es, schauen die Programmmacher auf die Reichweiten und Quoten – obwohl sie durch die Gebühren eigentlich unabhängig davon seien sollten. Besonders ärgerlich ist für sie dabei ein Trick, der RTL große Aufmerksamkeit beschert hat: die Einführung der werberelevanten Zielgruppe. Die Menschen aus dieser sogenannten “Zielgruppe” sind zwischen 14 und 49 Jahren alt – und genau hier schneiden die Programme der ARD und auch das ZDF schlecht ab. Inzwischen liegen Das Erste und das ZDF bei den 14- bis 49-Jährigen nur noch vor RTL II und kabel eins. RTL, ProSieben, Sat.1 und VOX sind längst weggezogen. Erfunden wurde die werberelevante Zielgruppe von Helmut Thoma, RTL-Programmdirektor in den 80er Jahren.
In den vergangenen Monaten ist erneut ein Streit darüber entbrannt, wie genau die Zielgruppe zu definieren ist. Diesmal ist sich die ARD ausnahmsweise mit der RTL-Gruppe einig. 20 bis 59 sei das neue Alter der werberelevanten Zielgruppe. Auch beim Bezahlsender Sky befürwortet man diese Definition. Durchsetzen konnten sich die Sendeanstalten bislang allerdings noch nicht. Denn mit der ProSiebenSat.1-Gruppe gibt es einen gewichtigen Gegenpart. Zwar würde Sat.1 von der Umstellung profitieren, das bisherige Zugpferd allerdings, ProSieben, würde durch sein vergleichsweise junges Publikum weit zurückfallen.
Probleme bei den jungen Zuschauern
Zwischen dem Quotendruck reiben sich ARD und ZDF auf. Journalisten fragen immer wieder, wieso nur noch so wenig junge Zuschauer die Programme der Öffentlich-Rechtlichen schauen. Die Sender verweisen auf die Gesamtzuschauerzahlen. Diese sind ohne Frage deutlich besser. Doch hier haben die ARD und das ZDF ein großes Problem: Die junge Generation kann nicht einfach so unter den Tisch gekehrt werden. Wenn die Öffentlich-Rechtlichen Zuschauer an die Privaten verlieren, ist es fraglich, ob diese im höheren Alter zurück kehren.
Insgesamt sind die Öffentlich-Rechtlichen im Bereich Unterhaltung Marktführer, bei den jungen Zuschauern sind die Privaten allerdings davongezogen. Seit geraumer Zeit versuchen die Sendeanstalten diesem Trend entgegenzuwirken, allen voran mit Digitalkanälen wie ZDFneo. Einige der dort laufenden Sendungen haben sich tatsächlich eine junge Fangemeinde aufgebaut. So zum Beispiel “neoParadise”. Doch im Hauptprogramm ist vom neuen Schwung wenig zu spüren.
Dort sind es nach wie vor die Klassiker, die auch die jungen Zuschauer anlocken. Sportliche Großereignisse, Bundesliga, “Tatort”, “Wetten, dass..?”. Hier muss sich in den kommenden Jahren einiges tun, um nicht komplett den Anschluss an die Privaten zu verlieren. Und das muss ohne menschenverachtende Methoden wie bei den RTL-Castingshows gehen. Beim ZDF hat sich mit der “heute show” und weiteren Comedy-Formaten sowie großen Unterhaltungsshows am Abend schon ein bisschen was bewegt.
Doch so richtig kommt das bei den Zuschauern nicht an. Eine vom ZDF in Auftrag gegebene Studie hat ergeben, dass sowohl junge als auch ältere Zuschauer das Programm der Mainzer in vielen Punkten nicht mehr angemessen finden. Die befragten Zuschauer sagten übereinstimmend, dass die fiktionalen Programme des Senders “nicht modern genug” seien.
Nachrichten als Flaggschiff der Öffentlich-Rechtlichen
Im Bereich Information punkten ARD und ZDF dagegen viel stärker. Auch wenn manche Entscheidungen kurios wirken. Etwa dann, wenn Das Erste eine Sondersendung nach der “Tagesschau” ins Programm nimmt, um dort über den verletzten Michael Ballack zu berichten. Alles in allem leisten die Öffentlich-Rechtlichen im Bereich Information aber gute Arbeit. Am Nachmittag informieren Das Erste und das ZDF ihre Zuschauer stündlich. Die “Tagesschau” hat regelmäßig viele Millionen Zuschauer ab 20 Uhr. Wer mehr Nachrichten möchte, findet sie entweder auf den Webseiten der Sender oder beim ARD-Digitalsender tagesschau24. Darüber hinaus kündigte das ZDF im März an, ab dem Herbst ein neues Nachrichtenformat bei ZDFneo zu starten. Genauere Informationen hat der Sender dazu noch nicht genannt. Nur eins steht bislang fest: Es sollen vermehrt die jungen Zuschauer angesprochen werden.
Aber natürlich gibt es auch bei den bestehenden Nachrichten Verbesserungspotenzial. Während des Arabischen Frühlings im vergangenen Jahr machten die Öffentlich-Rechtlichen beispielsweise keine gute Figur. Als Entschuldigung kann da auch nicht herhalten, dass es die private Konkurrenz nicht besser macht. Schön öfter ist es zu beobachten gewesen, dass die deutschen Nachrichtensender n-tv und N24 bei großen Ereignissen weiterhin ihre Dokumentationen und Magazine zeigen. Hier müssen die Öffentlich-Rechtlichen einspringen und das machen, was die Privaten nicht können.
Das Korrespondenten-Netz der beiden Sendeanstalten ist so groß, dass sie ohne große Probleme von fast jedem Ort der Welt berichten können. Umso erstaunlicher ist es, dass die Korrespondeten oft nur für kurze Schalten in den Nachrichtensendungen eingesetzt werden. Ein eigener Nachrichtensender nach dem Vorbild CNN würde da viel mehr Sinn machen. Mit tagesschau24 ist bereits ein guter Anfang gemacht. Wenn der Sender noch mehr im Bewusstsein der Menschen verankert wird und auch bei wichtigen Ereignissen lange Live-Strecken problemlos meistert, könnte er zu einer echten Alternative unter den deutschen Nachrichtensendern werden. Auch eine engere Zusammenarbeit mit Phoenix wäre wünschenswert. Dort besteht das Programm zwar zum Großteil aus Reportagen und Dokumentationen, mit Live-Übertragungen aus dem Bundestag und aus Gerichtssälen existiert aber bereits ein guter Anküpfungspunkt.
Bilanzierend kann die Frage, ob die öffentlich-rechtlichen Sender ihren Programmauftrag noch erfüllen, trotz einiger Probleme mit einem “Ja” beantwortet werden. Natürlich läuft nicht immer alles so, wie es sich die Zuschauer oder Beobachter der Branche wünschen. Dann aber sofort das ganze Modell zu hinterfragen ist übertrieben. Schließlich arbeiten auch bei den Öffentlich-Rechtlichen Menschen – und die machen Fehler.




