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Datenjournalismus in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme

Datenjournalismus kommt aktuell in jedem Beitrag vor, der irgendwie die Zukunft des Journalismus zu skizieren versucht. Doch wie ist eigentlich der Status Quo in diesem Segment? Dafür müsste man eigentlich zunächst genau eingrenzen, was Datenjournalismus alles umfasst. Darüber herrscht nämlich nicht einmal bei den Datenjournalisten selbst Einigkeit. Lorenz Matzat hat vor einiger Zeit versucht, der Definition näher zu kommen, auch Lorenz Lorenz-Meyer verfasste einen Beitrag zum Thema.

Kurz zusammen gerafft kann man sagen, dass unstrittig ist, dass beim Datenjournalismus strukturierte Daten der Mittelpunkt der Geschichte stehen und diese sowohl bei der Darstellung als auch bei der Recherche von entscheidender Bedeutung sind. In der Diskussion befinden sich noch Punkte wie Transparenz im Hinblick auf die Herkunft der Daten oder aber das Anbieten der Daten in Rohform oder über eine Schnittstelle. Manche sagen sogar, dass nur als Datenjournalismus gelten dürfe, was in keiner anderen Form erzählt werden könne.

Persönlich bin ich einer sehr starken Eingrenzung des Begriffs gegenüber kritisch. Man sollte nicht vergessen, dass einige Personen, die die Debatte (nicht nur in Deutschland) prägen, als Dienstleister mit Datenjournalismus Geld verdienen und somit ein gewisses Eigeninteresse daran haben, dass „ihr“ Bereich für Außenstehende möglichst komplex ist, so dass ihre Fachkenntnis unabdingbar ist.

Viel wichtiger wäre mir eine Abgrenzung gegenüber der Datenvisualisierung und gegenüber Daten-PR. Gerade letztgenanntes findet in der Diskussion bisher kaum Raum, dabei sollte gerade eine klare Grenze in dieser Hinsicht ein oberstes Gebot für Journalisten sein. Mein Vorschlag für eine Definition ist daher folgender:

Datenjournalismus ist, wenn mindestens zwei verschiedene Datensätze in eine Verbindung gebracht werden, um damit einen Sachverhalt journalistisch darzustellen, das heißt ohne direkte wirtschaftliche Motive zu verfolgen.

Wenn nur ein Datensatz verwendet wird, handelt es sich um eine Datenvisualisierung. Wobei hier eine Diskussion stattfinden müsste, was alles ein Datensatz ist. So sind Arbeitslosenquoten ja bereits eine Verbindung von Arbeitslosenzahl und Bevölkerung – man könnte also von Datenjournalismus reden.

Im Punkt Daten-PR könnte man zum Beispiel auf Ticket-Verkäufe im Fußball hinweisen. Hier wird häufig der Datensatz „Sitzplan des Stadions“ mit den verkauften Tickets kombiniert. Ziel ist hier aber weniger eine journalistische Darstellung, sondern vielmehr der Service für den potentiellen Käufer, der letztlich zum Käufer werden soll („Mensch nur noch zwei Tickets in der ersten Reihe, ich nehm die lieber schnell!“).

Wenn man nun den Blick von der Definition weg, hin zu realisierten Projekten wendet, kann man wahre Perlen entdecken. Zu Recht werden sie häufig gelobt und wurden für Grimme Online Awards nominiert – und zum Teil sogar damit ausgezeichnet.

Bekannt sind zum Beispiel:

  • Die Fluglärm-Karte für den Airport BBI auf taz.de
  • Die Anwendung „Verräterisches Handy“ auf Zeit Online
  • Das Parteispenden-Watch bei taz.de
  • Der Zugmonitor auf sueddeutsche.de
  • Die Anwendung zur dritten Startbahn am Flughafen München auf sueddeutsche.de
  • Visualisierungen zu Fußballspielen bei Spiegel Online und Bild.de
  • Das Open Data Blog bei Zeit Online

Häufig wird hier der Fehler gemacht, Zeit Online, taz.de und sueddeutsche.de als Redaktionen zu nennen, die mit Datenjournalismus experimentieren. Das ist zwar nicht gänzlich falsch. Es sollte aber beachtet werden, dass gerade die ersten vier Beispiele alle durch die Agentur OpenDataCity realisiert wurden. Zwar geschah dies in Zusammenarbeit mit den Redaktionen, dennoch sind sie zum Teil auf die gleichen Köpfe zurückzuführen.

Das zeigt bereits, dass die Szene in Deutschland deutlich kleiner ist, als man annehmen möchte. Das sieht man auch bei Diskussionen zu Datenjournalismus. Es gibt eine kurze Liste an Vorzeige-Datenjournalisten in Deutschland. Meist trifft man mindestens eine(n) davon auf dem Podium, wenn nicht sogar alle zusammen: Lorenz Matzat, Christina Elmer, Mirko Lorenz und etwas seltener Christiane Schulzki-Haddouti oder Gregor Aisch. Natürlich gibt es weitere, aber sie sind, wenn man es so ausdrücken will, weniger bekannt.

Die Szene ist jedenfalls recht klein, dafür aber untereinander recht gut vernetzt. Eigene Data-Ressorts wie beim Guardian gibt es in Deutschland nicht. Zumindest nicht in der gleichen Form. Gelegentlich gibt es 1-2 Experten, die in Investigativ- oder Multimedia-Ressorts angebunden sind. Mit dpa DataReporting gibt es den Versuch, ein Datenjournalismus-Ressort in einer Nachrichtenagentur anzusiedeln. Nach allem was man hört, sind die Bemühungen hier jedoch bereits zurückgefahren worden. Gelegentlich sind auch Stimmen zu hören, die Datenjournalismus eher für einen Trend halten, der in ein paar Jahren schon wieder weniger beachtet werden wird.

Das alles lässt mich die deutsche Datenjournalismus-Szene, beziehungsweise ihren Status Quo, in drei Thesen zusammenfassen:

  1. Datenjournalismus ist besonders in Deutschland projektbezogen und wird häufig nicht alleinstehend, sondern als ein Element von Dossiers/Specials genutzt (wenn auch häufig als Kernelement)
  2. Datenjournalismus wird in Deutschland nur als Mode, nicht als gleichberechtigtes Element angesehen. Das liegt auch daran, dass die führenden Medienhäuser schon Online-Journalismus nicht als eigene journalistische Disziplin anerkennen oder ausbauen wollen, sowie am Fehlen reiner Online-Medien.
  3. Datenjournalismus ist in Deutschland ein Dienstleistungsgewerbe (resultiert aus 1. und 2.)

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Über den Autor

Andreas Grieß

Andreas lebt in Hamburg und ist dort als freier Online- und Medienjournalist tätig. Zuvor hat er von 2008 bis Juli 2012 an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus studiert. In seinem Praxissemester war er bei Spiegel Online und taz.de aktiv. Andreas ist Gründer von YOUdaz.com. Homepage: www.andreasgriess.de Twitter: @youdaz

2 Kommentare

  1. JUICEDaniel

    Interessant: 0x fb, 0x g+, 0x x, 9x twitter. Was sagt uns das? ;)

  2. Andreas Grieß

    Das die Counter des 2-cklick-Button bei Facebook nicht funktionieren, ich weiß nämlich von mehr als 0 ;)

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