Mein Kommentar
Dass ein Bundespräsident mit seinen Äußerungen aneckt, ist nicht neu. Schon gar nicht, wenn die Bundeswehr damit in Zusammenhang steht.
Mit seiner Rede an der Führungsakademie geriet Bundespräsident Gauck nun in die Kritik. Das Netz holt sofort zum nächsten Shitstorm aus. #NotMyPresident ist der Hashtag, unter dem einige Twitterer ihrem Ärger Luft machen. Manch einer fügt hinzu #MussKotzen, andere titulieren Gauck als “Kriegstreiber” und “Armleuchter”.
Neu aber ist, dass ein Bundespräsident ohne Umschweife auf den Kern eines großen Problems zu sprechen kommt. Gauck wirft den Deutschen vor, sie würden reflexartig alles ablehnen, was mit Bundeswehreinsätzen zu tun hat, sowie “Freiheit mit Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und Hedonismus” verwechseln.
Fast 70 Prozent der Deutschen lehnen den Afghanistaneinsatz ab. Und das nicht erst seit gestern oder seit der letzten Bundestagswahl. Genau diese 70 Prozent aber sind es, die den Soldaten mindestens die Antwort auf die Frage schulden :
“Warum riskieren wir Soldaten in Afghanistan Leib und Leben, körperliche
und seelische Gesundheit, wenn ihr doch gegen diesen Einsatz seid ?”
Ihre Einschätzung, Herr Bundespräsident, unser Armee sei “fest verankert in einer lebendigen Demokratie” vermag ich nicht zu teilen. Wie lebendig kann eine Demokratie sein, wenn auf den soldatischen Eid
„Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland, treu zu dienen und das Recht
und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“
seitens der Bevölkerung nur ein Achselzucken oder eben “freundliches Desinteresse” als Reaktion vernehmbar ist? Wie lebendig ist eine Demokratie, wenn es der Mehrheit egal ist, dass ihre Ablehnung des Einsatzes von den Parteien nicht berücksichtigt wird? Die Soldaten bekommen ihre Befehle von einer demokratisch legitimierten Instanz. Wenn man gegen diese Befehle ist – was eine nachvollziehbare Position ist – muss sich die Kritik dann nicht gegen die Politik richten, statt gegen Soldaten, die ohne Rückhalt im Volk für dieses kämpfen müssen?
In der Politik ist einzig die Partei Die Linke gegen Auslandseinsätze, wird ihrer Aufgabe als Repräsentanz einer Meinung aber nicht wirklich gerecht. Phrasen, wie “Bundeswehr raus aus Afghanistan” sind alles, was auf Wahlplakaten zu lesen ist. Dass aber seit 20 Jahren deutsche Soldaten fürchten müssen mit dem Verlust ihrer Gesundheit zum Sozialfall zu werden, prangern linke Politiker kaum an. Karrieren, wie Abitur, Bundeswehr, Studium und Hartz 4 drohen jungen Zeitsoldaten, wenn sie als Folge ihres Einsatzes eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln.
Mittlerweile waren mehr als 300.000 Soldaten im Afghanistan-Einsatz. Der Bundeswehr mangelt es unterdessen an Psychologen und Gutachtern. Es dauert Jahre bis fest steht, wie groß die Beeinträchtigung beim jeweiligen Soldaten überhaupt ist.
Während viele Soldaten um die Anerkennung ihrer Schädigung kämpfen, kämpft für Deutschland nur die Nationalmannschaft. Dafür wird sie von der Bevölkerung bejubelt und zum Sommermärchen hochstilisiert – Staffel vier gerade im TV.
Die andere Seite der Medaille
So sehr ich Bundespräsident Gauck in Gänze zustimmen will – das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Seite hat er leider im Rahmen dieser Rede nicht betont. Letztendlich ist es die Bundeswehr selbst, die zu wenig über die Einsätze berichtet und zu wenig in die Pflicht genommen wird.
Kritische Nachfragen von Journalisten werden nicht beantwortet (siehe Berichterstattungen z.B. von Report Mainz zu Missständen). Korrespondenten, die die Bundeswehr in der täglichen Routine begleiten wollen, dürfen in Kunduz das Lager nicht zusammen mit der Patrouille verlassen (siehe Berichterstattung “Der Journalist – 7/2011 “Kein Wort zum Major”). Jungredakteure des Radiosenders YOUFM erhalten in Masar-e-Sharif im April 2012 quasi die Grundausbildung “Das macht die Bundeswehr in Afghanistan”. Ein bisschen Schießbahn, ein bisschen Stadtführung in Masar-e-Sharif und ein paar Soldaten zum anfassen. Spezialkräfte interviewen oder die Frage stellen “Wie erlebt ein KSK-Soldat seinen Einsatz?” Undenkbar.
Herr Bundespräsident, sie haben “A” gesagt und die Bevölkerung um Aufmerksamkeit gebeten. Nun sagen Sie bitte auch “B” und sorgen Sie für mehr Transparenz rund um die Bundeswehr. Wir sind näher an der Abkapslung der Armee, als es den Vätern des Grundgesetzes recht gewesen sein kann. Eine Armee als “Staat im Staate” sollte es nie wieder geben. Eine Armee als Parallelgesellschaft aber bitte ebenso wenig.




