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Spiegel Online startet Ressort Gesundheit: Ein strategischer Fehler

Heute hat Spiegel Online ein neues Ressort an den Start gebracht: Gesundheit. Dort soll es „täglich hintergründige und kritische Berichte aus Medizin, Ernährung, Fitness und Psychologie“ geben.

Das neue Ressort wird auf den ersten Blick sicherlich ein Erfolg. Gesundheits- und Service-Themen sind häufig wahre Klickbringer. Und außerdem gibt es das Unterressort Sex und Partnerschaft. Die Entscheidung für ein Gesundheits-Ressorts ist dennoch ein strategischer Fehler. Klickzahlen sind etwas, über das Spiegel Online längst hinaus sein sollte. Will der selbsternannte Marktführer seine Stellung verteidigen oder gar Bild.de wieder attackieren, benötigt die Seite vor allem Relevanz und Alleinstellungsmerkmale.

Viele bemängeln, Spiegel Online entwickle sich immer weiter in Richtung Bild.de. Eigentlich ist das falsch: Spiegel Online entwickelt sich eher in Richtung t-online.de. Denn Spiegel Online besteht zunehmend auch – nicht ausschließlich, aber auch – aus vielen kurzen Agentur-Meldungen, viel Service- oder Ratgeber-Texten, einer ganzen Reihe von Spielen und Quizzen. Das neue Ressort Gesundheit passt in diese Reihe, immerhin ist es als Ratgeber-Ressort konzipiert, soll – so Spiegel Online selbst – „immer aus der Sicht des Nutzers“ berichten.

Spiegel Online inhaltlich mit t-online gleich zu setzen würde freilich deutlich zu weit führen. Der Selbstanspruch ist ein ganz anderer. Man kann mit Sicherheit sagen, dass die Berichterstattung bei Spiegel Online in allen Ressorts deutlich akkurater und auch journalistisch professioneller ist. Zu den eben genannten Seiten-Inhalten kommen exklusive Autorenstücke, Kommentare und interaktive Elemente. Auch das Gesundheits-Ressort soll sich von Portalen unterscheiden. Spiegel Online plant laut Pressemitteilung mit ”ausgewogenen und kritischen Analysen, Kolumnen und Meinungsstücken“.

Warum kein Data-Ressort?

Es geht auch gar nicht darum, die journalistische Qualität der einzelnen Stücke in Frage zu stellen. Vielmehr ist festzustellen, dass ein Ressort „Gesundheit“ kein Alleinstellungsmerkmal für Spiegel Online sein wird. Konzeption und Betrieb des neuen Ressorts kosten Zeit, Geld und Arbeitskräfte. Die Frage muss erlaubt sein, ob all das nicht besser in die Entwicklung eines anderen Ressorts geflossen wäre. Warum beispielsweise hat Spiegel Online kein Data-Ressort auf die Beine gestellt, wie beim Guardian?

Ein Grundgerüst an datenjournalstischem Know-How ist in der Redaktion bereits vorhanden, wie die gelegentlichen Interaktiven Elemente und auch im begrenzten Umfang der Umgang mit den Wikileaks-Daten zeigte. Datenjournalismus ist in Deutschland noch immer eine Randerscheinung. Zwei datenjournalistische Anwendungen (taz Spenden-Watch, SZ-Zugmonitor) wurden für den Grimme Online Award nominiert, im vergangenen Jahr hat eine gewonnen (Zeit Vorratsdaten). Hinter all diesen Anwendungen steckt OpenDataCity. Spiegel Online spielt in dieser Liga bislang nicht mit. Dabei wäre Spiegel Online von der Finanzkraft und Mannstärke eine der wenigen Redaktionen, die durch regelmäßige datenjournalistische Formate einen enormen Vorsprung vor der Konkurrenz erarbeiten könnte.

Ein gut gemachtes Data-Ressort hätte zudem, dass zeigt der Guardian, bei einigen Themen eine neue, eine internationale Zielgruppe erschlossen. Das kann für Werbekunden interessant sein. Zudem wäre man inhaltlich frei. In den kommenden Wochen könnte man die Fußball-EM ausschlachten, aber auch Gesundheits-Themen könnte man unterbringen, wie zum Beispiel die FSME-Karte aus dem Gesundheits-Ressort.

Der 6.6.12 geht an die SZ

Der Berichterstattung der vergangenen Wochen zufolge ist Spiegel Online Kannibalisierungs-Vorwürfen seitens des Print-Spiegels ausgesetzt. Ein klar als online-typisch zu erkennendes Ressort wäre sicher auch in diesem Zusammenhang hilfreicher gewesen. Hilfreier, als eines, dass zumindest vom Setting (die genaue Aufbereitung muss man noch abwarten) auch in einem Printmagazin könnte stattfinden.

Freilich wäre ein Data-Ressort nur eine Alternative zu einem Gesundheits-Ressort gewesen. Denkbar wäre es auch, ganz neue Wege zu gehen: Ein Kurrations-Ressort wäre ein spannender Gedanke. Hier könnten aktuelle Debatten und Beiträge zu Themen in der deutschen Blogosphäre und den Medien zusammen gefasst werden – ähnlich wie es Rivva macht, nur mit redaktioneller Unterstützung.

Spiegel Online hat heute keine Innovation im deutschen Online-Journalismus gewagt und ruht sich weiter auf der eigenen Position aus. Am gleichen Tag präsentiert sueddeutsche.de eine aufwändige Daten-Anwendung zum Thema „Dritte Startbahn am Münchner Flughafen“. Vielleicht ist der 6.6.12 also ein kleiner Richtungsweiser im deutschen Online-Journalismus.

Disclaimer / PS: Ich kenne einige der Spiegel Online-Redakteure hinter dem Gesundheits-Ressort und wünsche ihnen an dieser Stelle alles Gute. Die verlegerische Entscheidung pro/contra eines Data-Ressorts soll keines Falls ihre journalistische Leistung schmälern.

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Über den Autor

Andreas Grieß

Andreas lebt in Hamburg und ist dort als freier Online- und Medienjournalist tätig. Zuvor hat er von 2008 bis Juli 2012 an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus studiert. In seinem Praxissemester war er bei Spiegel Online und taz.de aktiv. Andreas ist Gründer von YOUdaz.com. Homepage: www.andreasgriess.de Twitter: @youdaz

3 Kommentare

  1. Martin

    Ich glaube nicht, dass die Einführung eines Data-Ressorts jemals zur Debatte gestanden hat. Vor allem, weil es a) nicht annähernd so ein Klickbringer wäre wie die neue Gesundheits-Abteilung und b) auch definitiv nicht so ein attraktives Umfeld für Werbekunden darstellen würde. Und genau da sehe ich das eigentliche Problem bei SPONs Gesundheits-Ressort: Product Placement, schlecht oder gar nicht gekennzeichnete Advertorials und Schleichwerbung könnten sich finanziell für das Unternehmen durchaus lohnen. Die Versuchung, die ein oder andere journalistische Grauzone zu nutzen, um den Unternehmensgewinn zu maximieren, ist hoch. Und die gut zahlende Pharmabranche dürfte clever genug sein, Mittel und Wege zu finden, um ihre Inhalte in dem neuen Ressort prominent zu platzieren. Das Risiko, die Marke SPIEGEL ONLINE dadurch weiter zu beschädigen, ist jedenfalls nicht zu unterschätzen. Ich weiß also nicht, ob sich die Redaktion mit der Einführung dieses Ressorts einen Gefallen getan hat.

  2. Andreas Grieß

    ein Data-Ressort wäre eine eher mittel- bis langfristige Variante gewesen. Bringt zunächst einmal weniger Klicks, aber andere, sogenannten Tiefentraffic. Je nach Thema wären Angebote möglich, die immer wieder aufgerufen werden, mit denen sich lange beschäftigt wird und die – das deutete ich an – ggf auch für jemanden in den Staaten oder so interessant sein können.

    Damit letztlich kann man auch Geld machen. Die Frage, ob Anzeigenerlöse auf Dauer ausreichen, wird ja gerade beim Spiegel diskutiert. Wenn man ein erfolgreiches Data-Portal hätte, könnte dies auch als Dienstleister fungieren. Spon macht ja z.B. auch Videos für kicker.de…

  3. Martin

    Mit der Einschätzung liegst du ja gar nicht so falsch. Aber ich bezweifle trotzdem, dass ausgerechnet SPIEGEL ONLINE sich in naher Zukunft zum Vorreiter in Sachen Datenjournalismus aufschwingen wird. Da ist der einfachere Weg über “normale” Anzeigen doch leider erstmal auch der erprobte und damit sicherere, so schade das auch sein mag. Es bleibt bis auf Weiteres wohl dabei: Datenjournalismus in Deutschland wird vor allem in Großprojekten gedacht (was er ja eigentlich nicht zwingend sein müsste…) und daher hauptsächlich aus Image-Gründen genutzt.

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