Nach Wahlen bietet tagesschau.de in der Regel Grafiken an, die die Wählerwanderung anzeigen. So auch bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Ich halte diese Analysen für sehr wertvoll und teilweise auch überraschend. Ihre Aufbereitung ist simpel und gut: Auf einfachen Bildern kann der Leser schnell erfassen, von wo nach wo die Leser gewandert sind. Dennoch bieten gerade diese Daten Raum für mehr und laden ein, andere Formen der Visualisierung zu finden. Drei Dinge sollten dabei als Pluspunkt herausstechen:
- Die Wählerwanderungen sollten alle in einer Grafik zu finden sein
- Diese Grafik sollte über ein rein statisches Bild hinausgehen und für den Rezipienten zumindest grundlegend interaktiv sein, um ihn so einzuladen, sich näher mit den Informationen zu beschäftigen
- Nach Möglichkeit sollten die Daten zwecks Einordbarkeit in Relation zur Gesamtwählerschaft gesetzt werden
An diesen Punkte habe ich mich nach der Wahl orientiert und etwas rum-experimentiert. Die Ergebnisse sind noch nicht der Weisheit letzte Schluss, aber ein Schritt in diese Richtung. Ein kleiner Werkstatt-Bericht:
Als ersten Schritt habe ich die Wählerwanderungen in eine einfache Matrix gesetzt. Diese lautet, mit Leerzeichen als Trennzeichen, wie folgt:
data CDU SPD Linke FDP Gruene Piraten Nichtwaehler Sonstige
CDU 0 190000 0 150000 20000 60000 130000 20000
SPD 0 0 0 0 0 90000 0 10000
Linke 0 90000 0 10000 30000 80000 20000 20000
FDP 0 20000 0 0 0 40000 0 0
Gruene 0 60000 0 10000 0 80000 0 10000
Piraten 0 0 0 0 0 0 0 0
Nichtwaehler 0 110000 0 20000 50000 70000 0 0
Sonstige 0 0 0 0 0 40000 40000 0
Daraus habe ich wie bereits in der Vergangenheit mit Hilfe von Circos ein Diagramm in Kreisform (kein Kreisdiagramm) erstellt. Das sieht – ergänzt durch Farbinformationen – wie folgt aus:

So hat man relativ schnell alle Wählerwanderungen in einer Grafik untergebracht. Allerdings sind die Stimmanteile kaum zu erkennen, da hinzugekommene und abgegebene Stimmen alle ihren Ursprung im jeweiligen Parteifeld haben und sich nur farblich unterscheiden. Stammwähler fehlen ganz. Und machen wir uns nichts vor: Übersichtlich ist etwas anderes. Aus der Grafik ein interaktives Element zu gestalten könnte helfen.
Dafür beschäftigte ich mich mit Javascript, genauer gesagt D3.js von Michael Bostock. Dies steht unter einer Open Source-Lizenz.
In Version zwei wollte ich gleich auch die Wähler abbilden, die zum Beispiel von SPD zu SPD gewandert sind, sprich vereinfacht gesagt ihre Wahl wieder genauso getroffen haben, wie bei der Wahl zuvor. Dadurch wird deutlich, wie viel zum Beispiel 60.000 von der CDU zu den Piraten gewanderte Wähler wirklich ausmachen.
Daher sollten diese Wähler (bzw. Nichtwähler) in die Grafik mit einfließen. Dafür war ein klein wenig Addition und Subtraktion nötig. Mit Hilfe des (vorläufigen) Endergebnisses kann man diese Wähler bestimmen. Man schaut wie viele Wähler eine Partei gewählt haben und zieht davon die hinzugewanderten Wähler ab. Kleine Ungenauigkeiten ergeben sich durch Neuwähler (und Zugezogene), sowie Verstorbene (und Weggezogene) und ungültige Stimmen. Diese Ungenauigkeiten fallen aber in der Regel nicht groß ins Gewicht, zumal die Daten der Wählerwanderung auch nur mit Rundungswerten dargestellt werden.
In den Beispielen von Michael Bostock findet sich ein Diagramm, welches der Circos-Logik nachempfunden ist und demnach den idealen Ansatz für Version 2 der Grafik bietet. Ich nutze diese Beispiel als Vorlage und passte den Code so an, dass die Farben zu den Parteien passten, mehr Werte Platz fanden – und natürlich diese mit den Wählerwanderungen übereinstimmen.
Da in dem Script anders als bei Circos Fließrichtungen in beide Richtungen miteinander verrechnet werden (was bei den Wählerwanderungs-Daten jedoch ohnehin schon gemacht wird, weshalb Wähler immer nur in eine Richtung wandern), löste sich auch ein Problem aus der Circos-Version von alleine: Die Stimmen, die von zum Beispiel CDU zu den Piraten gewandert sind, werden auf der CDU-Seite auf null runtergepegelt. Dadurch entspricht die Größe der Flächen dem Stimmanteil von 2012. Wie bereits erwähnt ist diese Version der Grafik auch klickbar, oder besser gesagt, reagiert auf Mouseover.
Davon ausgehend bastelte ich an einer weiteren Version, die jedoch zunächst noch im kreisförmigen Diagramm bleiben sollte. Das Ziel: Sowohl das Wahlergebnis 2010, als auch das Wahlergebnis 2012 sollten zu erkennen sein und einander gegenüber stehen. Da die Zahl der Wahlberechtigten bei beiden Wahlen gerundet identisch ist, ist es möglich,, den Kreis genau zu halbieren.
Für diese Version musste die Matrix weiter angepasst werden und ist nun schon stolze 16*16 Zellen groß, so dass man schon genau aufpassen muss, welche Zelle für was steht. Der Grund für die Größe: Um das Programm defakto auszutricksen kommt jede Partei (bzw. die Nichtwähler) zweimal vor (einmal als 2010 und einmal als 2012). Um nicht wieder den Effekt zu haben, dass “weggehende Stimmen” auf null gepegelt werden, fließen die Stimmen streng nach Funktion gesehen gleichermaßen hin und zurück. Dadurch orientieren sich in der Interaktiv-Version 2 alle Farben an der Wahlentscheidung 2012, was nach meinem Empfinden eigentlich leider genau falsch herum ist.
Soweit der Werkstatt-Bericht. Vielleicht noch ein kleiner Blick nach vorne: Im Endstatus sollen links und rechts die Wahlergebnisse als Säule dargestellt werden und beim Mouseover durch Linien die Verbindungen zwischen beiden Säulen hergestellt werden. Noch ein Stück weit besser wäre, wenn dann gleichzeitig in einem weiteren Kasten die absoluten Zahlen eingeblendet werden. Ein Beispiel, wie das aussehen könnte, ist diese Infografik aus Brasilien, in der Fußball-Nationalmannschaften danach aufgeschlüsselt sind, in welchen Ligen ihre Spieler spielen – und umgekehrt.






