Laut Meedia, Horizont und turi2 tobt hinter den Kulissen beim Spiegel “Machtkampf”. Es geht vereinfacht gesagt darum, ob Spiegel Online eine Bezahlschranke erhalten soll oder nicht. Der Hauptgrund dafür: Vor allem Print-Chefredakteur Georg Mascolo finde, das erfolgreiche Spiegel Online kannibalisiere die Heft-Verkäufe.
Das ist schon eine äußerst bemerkenswerte Begründung, immerhin erschienen auf Spiegel Online, als ich 2010 dort ein Praktikum machte, etwa eine Geschichten pro Tag aus dem Heft. Mittlerweile sollen es sogar noch weniger sein. Und ohnehin soll mir mal jemand erklären wie ein tages- bis stundenaktuelles Medium ein Wochenmagazin kannibalisieren soll. Das geht ja nicht einmal, wenn man es will! Das ist nämlich in etwa so, als würde die NASA Fahrräder verbieten wollen, weil keiner mehr mit Saturn V Raketen zum Bäcker fliegt!
Wenn ein Online-Newsportal und ein wöchentliches Print-Magazin sich im Nutzwert so sehr überschneiden, dass eine Kannibalisierung möglich ist, dann greift mindestens eine der beiden Redaktionen auf Inhaltlichem Niveau ganz massiv daneben. Und dann müsste man nicht ein Produkt teurer machen, sondern mindestens eines inhaltlich neu ausrichten. Genauer betrachten konnte ich die Arbeitsabläufe bei Spiegel Online ja leider nicht (für mein Diplom habe ich die Konvergenz-Bemühungen von tagesschau.de und sueddeutsche.de betrachtet). Wenngleich es stimmt, dass vielen Lesern der Unterschied zwischen Spiegel Online und Der Spiegel nicht richtig bewusst ist.
Aus der Kannibalisierungs-Angst gegenüber der eigenen Online-Tochter drückt sich beim Spiegel dann wohl viel mehr eine Angst vor “diesem Internet” als Ganzes aus. Also schnell das eigene Produkt torpedieren, vielleicht geht das Internet dann wieder ganz weg, oder was? Etwas anderes als torpedieren wäre eine Bezahlschranke bei Spiegel Online nämlich nicht. Dieses General-Interest Portal kostenpflichtig zu machen wäre ökonomisch so sinnvoll wie ein Schalke-Fanstore am Dortmunder Borsigplatz oder eine Schnapsbrennerei in Saudi-Arabien.
Reichweite = Relevanz
Spiegel Online hat nämlich genau ein Pfund, mit dem Sie wuchern können: Ihre Reichweite. Und die bedingt sich hauptsächlich daraus, dass man als Erster da war und so zur Marke wurde. Die enorme Reichweite macht Spiegel Online relevant – für Leser wie für Politiker und Unternehmen, die darin vorkommen wollen. Und die Reichweite ist es auch, die Spiegel Online profitabel macht.
Der journalistische Inhalt ist, das sollte sich Spiegel Online selbst einmal eingestehen, auch wenn es schmerzt, nicht besser als bei tagesschau.de, suedduetsche.de, Zeit Online oder anderen Konkurrenten. Er ist nicht zwangsläufig schlechter, aber eben auch nicht besser. Die Konkurrenz beherrscht das Geschäft mittlerweile auch und stellt vor allem im weniger boulevardesken Feld starke Konkurrenten.
Und wann fällt Spiegel Online wirklich durch Geschichten auf, die exklusiv sind? Exklusive Spiegel Online-Inhalte? Da fällt mir fast nur die Kolumnen von Sascha Lobo ein. Die meisten Spiegel Online-Artikel, die bei Rivva hoch schießen sind denn eher Agentur-Meldungen wie, dass Schokolade nicht dick macht, die am gleichen Tag überall anders auch zu finden sind. All jene, die so stolz sagen “ich habe Spiegel Online als Startseite”, werden deshalb bei einer Bezahlschranke wegbrechen wie die “Fans” von DSDS-Siegern es beim zweiten Album tun.
Also macht nur, Spiegel-Verlag! Versenkt in eurer Angst und vielleicht in eurem Hass auf das Internet (mancher Spiegel-Titel deutet ja darauf hin) das einzige Erfolgsschiff, dass ihr in den letzten Jahren vorweisen konntet. Das vielleicht erfolgreichste journalistische Produkt, dass in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland neu auf den Markt gekommen ist. Das einzige Produkt, dass in weiteren 20 Jahren euer Flaggschiff sein könnte.
Paywall könnte sogar dem Spiegel-Heft schaden
Vielleicht, Herr Mascolo und Kollegen, schaffen Sie es ja gegen alle Vorzeichen, dass sie in Deutschland wider erwartens Paid Content etablieren können. Dann gebe ich ihnen gerne, wenn wir uns mal treffen, einen paid coffee aus. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass Sie mit dem Versuch Spiegel Online nachhaltig kaputt machen würden. Tagesschau.de, sueddeutsche.de und Zeit Online können dann schon einmal zusätzliche Server-Kapazität bestellen. Denn die Nutzer werden abwandern. Und als nächstes die Anzeigekunden.
Und zugleich geht die Relevanz von Spiegel Online in den Keller, so dass die nächsten Interviews von Gabriel und Kollegen bei der Konkurrenz erscheinen werden. Und das Schlimmste: In der gleichen Zeit würde der Spiegel weiter an Auflage verlieren. Weil das eben passiert. Und weil es nichts mit Spiegel Online zu tun hat. Möglich sogar, dass der Spiegel zusätzlich leidet. Immerhin gibt es kaum eine bessere Werbeplattform für die aktuelle Ausgabe als Spiegel Online. Das nur mal nebenbei.
Und selbst wenn mit Paid Content mehr Gewinne rein kommen, ist es fraglich ob die Redaktion dafür freiwillig auf ihre enorme Reichweite und damit publizistische Macht verzichten würde. Wie man hört sperren sich die Online tendenziell eher gegen die Einführung von Paid Content. Und das ist schon bemerkenswert für eine Redaktion, wo gefühlt jeder Zweite eigentlich zum Blatt wechseln möchte.
Angeblich soll eher Mascolo gehen, als eine Paywall kommen. Also, schauen wir, was passiert. Will doch gelacht sein, wenn in einer, korrigiere, zwei so großen Redaktionen nicht genug nach außen dringt. In diesem Sinne: Lasset die Spiele beginnen, wie es Spiegel Online-Redakteurin Annett Meiritz ausdrück.





3 Pings
Paywall für Spiegel Online – Ein Gerücht, viele Reaktionen — CARTA
20/04/2012 von 15:53 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] Spiegel Online: “Niemand hat die Absicht eine Paywall zu errichten” (20.04.2012, YOUdaz.com) [...]
Linksverkehr KW 16/2012 » YOUdaz.com
21/04/2012 von 19:25 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] « Spiegel Online: “Niemand hat die Absicht eine Paywall zu errichten” [...]
Gedankenstrich.org » Blog Archive » Metered Paywalls: Über die Absicht, digitale Mauern zu errichten
30/04/2012 von 14:58 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] Branche über Sinn und Unsinn des digitalen Mauerbaus (vgl. z.B. Berichte auf/in Horizont, YOUdaz, [...]