Datenjournalismus könnte in zwei Jahren bereits kein großes Thema mehr sein. Zu dieser streitbaren Einschätzung kommt Christian Jakubetz, im Interview mit mir für YOUdaz.com. Zudem sprach er über die richtige Ausbildung zum Journalisten, den Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten und gab auch einen kurzen Satz zum Thema deutsche Wired Ausgabe Nr.2 zum besten.
Christian Jakubetz ist unter anderen an der Deutschen Journalistenschule in München als Dozent tätig. Er ist zudem maßgeblich für die Erstellung des „Universalcode“ verantwortlich. Dieses neue Lehrbuch soll alles abbilden, was sich im Journalismus seit 1995 getan hat. Da musste ich natürlich direkt einmal fragen, ob denn nicht der Universalcode jede Minute bereits veraltet sein könnte. Mein Gegenüber musste lachen, nickte schmunzelnd und gestand dann ein…
Das ist tatsächlich unsere größte Angst. Eigentlich müssten wir das Buch einmal im Jahr komplett überarbeiten. Ganz persönlich bin ich nicht sicher, ob in zwei Jahren zum Beispiel das Kapitel Datenjournalismus noch einmal so rein müsste. Aber aus diesen Gründen haben wir ja auch das Portal. Wir verstehen das Buch sozusagen als Kick-Off, welches es dann weiterzuführen gilt.
Moment: Wenn Sie davon sprechen, dass Datenjournalismus so nicht noch einmal in das Buch müsse, meinen Sie dann, dass es anders oder dass es gar nicht mehr auftauchen müsste?
Ich weiß nicht, ob das Thema in zwei Jahren noch so relevant ist, dass man es als eigenes Kapitel sieht. Derzeit wird das ganze recht stark gehypt und ich glaube sogar schon einen Rückgang zu erkennen. Vielleicht sprechen wir in zwei Jahren bereits von etwas ganz anderem. Aber das ist eine sehr persönliche Einschätzung. Ich weiß, dass dies einige ganz anders sehen.
Ich zum Beispiel. Auch wenn ich zustimmen muss, dass die Sache gehypt wird. Aber darüber zu diskutieren hätte uns die Zukunft auch nicht offenbart. Außerdem gab es kurz zuvor ja bereits eine kleine “Meinungsverschiedenheit” auf dem Campus:
Unmittelbar bevor Christian Jakubetz mir dieses Interview gab, hielt er nämlich einen Gastvortrag an meiner Hochschule. Von meinen Kommilitonen – und auch von mir – musste er sich dabei die Kritik anhören, dass im Universalcode im Kapitel zu journalistischen Ausbildungsstätten keine Hochschulen auftauchen. Demnach musste ich noch einmal nachhaken. Ich fragte, was er jemanden antworten würde, der zu ihm käme und sagt: „Ich will Journalist werden, welche Art von Ausbildung sollte ich einschlagen?“ Daraufhin sagte Christian Jakubetz ohne großes Zögern:
Bevor man eine Ausbildung einschlägt, sollte man sich erst einmal im Klaren sein, was man überhaupt werden will. Einem Sportjournalisten die gleiche Ausbildung zu empfehlen wie einem Wirtschaftsjournalisten ist ziemlich sinnlos.
Im „Universalcode“ tauchen jedoch nur Journalistenschulen auf…
Ja und dafür sind wir auch kritisiert worden. Klar ist: Es gibt journalistisches Leben abseits der Journalistenschulen, zum Beispiel gibt es gute Studiengänge. Wichtig – und das viel mehr als bisher – ist es für die kommenden Journalisten auch autodidaktisch zu lernen. Zum Beispiel durch ein eigenes Blog.
Wird dieses eigenständige Lernen auch zunehmend erwartet?
Es gibt zunehmend mehr Redakteure, die gucken, ob der Bewerber selbst etwas macht. „Zeig mir was du kannst und schon publiziert hast“ lautet die Devise. Früher wurde man häufig gefragt, ob man bereits für die Schülerzeitung etwas geschrieben habe. Heute gibt es weitere Möglichkeiten. Ein eigener Blog oder eine eigene Website sind recht einfach umzusetzende Möglichkeiten.
Ein durchaus interessanter Punkt. Es wird immer mehr auf Blogs verwiesen, auf denen man sich selbst ausprobieren könne. Gleichzeitig gibt es aus der Medienbranche gerne auch abfällige Kommentare gegenüber Bloggern. Ich wollte daher auch von meinem Gegenüber eine Einschätzung hören: Würden Sie sagen Blogger sind Journalisten? Christian Jakubetz lehnte sich zurück und nahm sich eine Pause zum Überlegen. Er gab ein langgezogenes “hmmm” von sich und sagte dann:
Das ist ja eine immer wieder diskutierte Frage. Ich denke es kommt drauf an, welchen Anspruch man an das Blog und an sich selbst hat. Wenn eine Hausfrau zum Beispiel über ihre Katze schreibt, ist das nicht journalistisch. Andererseits: Bei prominenten Bloggern – beispielsweise Stefan Niggemeier – weiß man nicht mehr so genau, ob das nun ein bloggender Journalist oder ein journalistischer Blogger ist. Es gibt auf jeden Fall journalistische Blogs. Bei vielen gibt es keinen qualitativen Unterschied mehr zu klassischem Journalismus.
Im Vorfeld hatten meine YOUdaz.com-Kollegen und ich via Twitter und Facebook gefragt, ob unsere Leser etwas Bestimmtes wissen wollten. Dabei wurden wir gebeten, Christian Jakubetz zu fragen, ob investigativer Journalismus in Zeiten des hektischen Nachrichtenstroms im Internet noch eine Chance habe. Mein Interview-Partner meint ja:
Die Möglichkeiten sind durch Möglichkeiten zur Kollaboration sogar gestiegen. Die Plagiats-Geschichte beim Herrn zu Guttenberg wäre ohne Guttenplag Wiki nicht gegangen, auch nicht mit einem guten Investigations-Team. Das Netz sorgt für zusätzliche Transparenz. Die Rolle der Journalisten ändert sich dadurch. Bei zu Guttenberg war die Aufgabe der Journalisten in erster Linie die Einordnung des Ganzen.
Zum Abschluss musste ich es dann selbst mal mit einer im weitesten Sinne investigativen Frage versuchen und mich erkundigen, wie es um eine zweite deutsche Ausgabe der Wired steht. Auf mich wirkte es, als habe Christian Jakubetz diese Frage in letzter Zeit schon häufiger gestellt bekommen. Er sagte:
An der offiziellen Position des Verlags hat sich nichts geändert. Man ist mit Ausgabe Nr.1 zufrieden und eine zweite Ausgabe ist nicht ausgeschlossen.
Und was meinen Sie persönlich? Würden Sie gerne eine Fortsetzung machen?
Ich finde, es war ein tolles Projekt. Fern ab von allen verlegerischen Fragen könnte ich mir eine weitere Ausgabe gut vorstellen.
Bleibt zu hoffen, dass auch die verantwortlichen Verleger sich das vorstellen können. Und es bleibt noch was: Christian Jakubetz danke zu sagen für das Interview!





1 Kommentar
4 Pings
JUICEDaniel
24/11/2011 von 20:10 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Nettes Interview, danke!
Lesenswert: Meine Schatzkiste mit 3.197 Artikeln | Juiced.de
09/12/2011 von 07:56 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] Christian Jakubetz im Interview [URL] “Es gibt journalistisches Leben abseits der Journalistenschulen” – Datenjournalismus [...]
Datenjournalismus: Bilanz 2011 und Ausblick | Datenjournalist
21/12/2011 von 17:18 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] deutschsprachigen Raum im Jahr 2011 einiges los. Manche, wie Medienjournalist Christian Jakubetz, meinen dennoch, dass der Hype um Datenjournalismus bereits zurückgehe und das Thema in zwei Jahren vom Tisch [...]
SZ-Relaunch: Die Kür macht die Pflicht erst möglich » YOUdaz.com
09/01/2012 von 16:51 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] Plöchinger in seinem Artikel „Wie Blattmachen online funktioniert“. Zu lesen ist dieser im von Christian Jakubetz initiierten Lehrbuch Universalcode, aber auch online in Plöchingers [...]
Datenjournalismus in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme » YOUdaz.com
05/07/2012 von 11:19 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
[...] Die Szene ist jedenfalls recht klein, dafür aber untereinander recht gut vernetzt. Eigene Data-Ressorts wie beim Guardian gibt es in Deutschland nicht. Zumindest nicht in der gleichen Form. Gelegentlich gibt es 1-2 Experten, die in Investigativ- oder Multimedia-Ressorts angebunden sind. Mit dpa DataReporting gibt es den Versuch, ein Datenjournalismus-Ressort in einer Nachrichtenagentur anzusiedeln. Nach allem was man hört, sind die Bemühungen hier jedoch bereits zurückgefahren worden. Gelegentlich sind auch Stimmen zu hören, die Datenjournalismus eher für einen Trend halten, der in ein paar Jahren schon wieder weniger beachtet werden wird. [...]