Twitter und Facebook werden von den meisten (Nachrichten)seiten zum weiterempfehlen der Inhalte angeboten. Gibt es Faktoren, die beeinflussen, ob vom Leser eher Twitter oder eher Facebook genutzt wird? Gibt es Facebook-Themen und Twitter-Themen? Das haben wir versucht herauszubekommen.
Dafür nahmen wir uns einen “normalen” Tag heraus und checkten die Like- bzw. Tweet-Zahlen aller an diesem Tag veröffentlichen Artikel einer Nachrichtenseite. Als Seite nahmen wir Spiegel Online, da es reichweitenstark ist und nahezu alle Themen bedient. Spiegel Online ist zudem im Mainstream zu verorten und erreicht somit Personen aus allen Bevölkerungsschichten. Der von uns gewählte Tag ist der Freitag, 12.08.2011. Die Zahlen erhoben wir mit einem Tag Abstand, am Abend des 13.08.2011.
Einschränkungen / mögliche Fehler
Die Untersuchung hat in dieser Form durchaus interessante Ergebnisse eingebracht. Dennoch müssen wir diese direkt unter einen gewissen Vorbehalt stellen. So stach der untersuchte Tag zwar nicht mit außergewöhnlichen Meldungen hervor, muss aber deshalb noch lange nicht repräsentativ sein. Welcher Text auf die Startseite kommt, welche Aktivitäten im und außerhalb des Internets sonst noch vonstattengingen – all das mag sich auf die Tweet bzw. Like-Zahlen auswirken.
Auch die Tatsache, dass es ein Freitag ist, könnte eine Rolle spielen. Um die von uns erhobenen Werte genauer zu betrachten, müsste man daher mehrere Tage analysieren, was wir uns für die Zukunft auch vorbehalten. Da wir mit absoluten Zahlen gearbeitet haben, beeinflussen zudem stark geteilte Texte den Schnitt massiv.
Nicht zuletzt die Seite selbst – Spiegel Online – ist natürlich nur eine Seite von vielen. Zwar halten wir sie für eine der besten Seiten, um die Fragestellung zu untersuchen (wir haben weiter oben unsere Gründe dafür genannt). Trotzdem kann Spiegel Online nicht 1:1 für „das deutschsprachige Internet“ stehen. Allein schon deshalb, weil jeder Text hier zwangsläufig einige Tweets durch die zahlreichen Spiegel Online Twitter-Bots (die Texte gerne auch mal raushauen, bevor der Text zu erreichen ist) sammelt. (Anmerkung: Soll sich gerade ändern.) In einem weiteren Schritt wären also auch andere Seiten unter die Lupe zu nehmen.
Ein Problem tauchte noch bei der Untersuchung auf: Erreicht ein Text mehr als 1000 Likes, ist die genaue Anzahl derer nicht mehr einzusehen. Wir mussten daher zwei Mal mit Rundungswerten arbeiten. Und natürlich ist es auch diesmal nicht auszuschließen, dass uns schlichtweg hier oder da ein Fehler unterlaufen ist, auch wenn wir nach besten Wissen und Gewissen gearbeitet haben.
Die Ergebnisse
Unsere Ergebnisse stehen also unter diesen genannten Vorbehalten. Tendenzen lassen sich aber trotzdem ablesen. So fällt aus, dass insgesamt häufiger über Facebook geteilt wird, als via Twitter. Das war von uns auch so erwartet worden. Der Faktor liegt bei etwa 3,34. Sprich: Spiegel Online-Texte wurden am von uns untersuchten Freitag etwa 3 1/3 mal häufiger über Facebook, als über Twitter weiterempfohlen.
Da wir uns besonders dafür interessierten, ob gewisse Themen den Verbreitungskanal beeinflussen, untersuchten wir das auch noch einmal in Hinblick auf die Ressorts. Dabei kam folgendes heraus (Ressorts mit nur 2 oder 3 Texten einmal außen vor gelassen). Die Grafik zeigt, wie viel mal mehr Likes als Tweets es gab:
Es fällt auf: Zusammengenommen ist auch in jedem einzelnem Ressort die Anzahl der Likes höher als die der Tweets. Wie erwartet ist dies am deutlichsten im Ressort Panorama, das neben Katastrophen vor allem Prominews und Buntes aus aller Welt präsentiert. Hier war auch der größte Einzelausreißer zu finden, doch dazu später mehr. Etwa 7,77 Mal so viele Likes wie Tweets gab es im Ressort Panorama am von uns untersuchten Tag.
Nur Panorama und Politik überdurchschnittlich häufig auf Facebook
Damit drückt es den Gesamtschnitt dermaßen in eine Richtung, dass lediglich das Ressort Politik es noch schafft, überdurchschnittlich viele Likes im Verhältnis zu den Tweets zu haben, wenn auch mit 3,52 nur unmerklich mehr als der Durchschnitt von 3,34. Hier ist zu erwarten, dass dies stark vom Tag abhängt.
Alle anderen Ressorts mit mehr als drei Artikeln haben zwar insgesamt innerhalb des Ressorts mehr Likes als Tweets. Das aber in einem Verhältnis, das geringer ist, als das der Gesamtschnittes von Spiegel Online am Freitag, dem 12.08.:
Im Vorfeld hatten wir erwartet, dass hier die Netzwelt hervorstechen würde. Immerhin hat sie eine Zielgruppe, die eher Twitter-Affin sein dürfte, als die vieler anderer Ressorts. Mit 2,71 mal so vielen Likes wie Tweets hält sich die Netzwelt aber noch recht nah am Durchschnitt. Ein Erklärungsversuch: Am betreffenden Tag erschien der Text „30 Jahre IBM-PC: Siegeszug der Wenigkönner“ der viele Mainstream-Leser erreicht haben dürfte und überdurchschnittlich oft auch auf Facebook verbreitet wurde (9,18 mal so viele Likes wie Tweets).
Nur dieser Text und ein Text über die GEZ wurden überdurchschnittlich häufig geliked im Verhältnis zu den Tweets. Sechs der neun Netzwelt-Texte des Tages wurden sogar häufiger getwittert als auf Facebook geteilt. Es ist also davon auszugehen, dass an anderen Tagen die Netzwelt deutlich mehr Richtung Twitter tendiert.
Überraschung: Sport und Wirtschaft sind Twitter-Themen
In Ressort Wissenschaft hält sich alles die Waage. Dass hier überdurchschnittlich häufig getwittert wird, war nicht völlig überraschend, wenngleich einige Themen auch die breite Masse und damit Facebook erreichen. Eher überraschend ist, dass es gerade die Ressorts Sport und Wirtschaft sind, die am 12.08. im Verhältnis stärker auf Twitter landeten.
In der Wirtschaft sind es nur weniger als 1,2 mal so viele Likes wie Tweets, im Sport-Ressort ist die Zahl der Tweets und Likes fast identisch. Eine stichfeste Erklärung haben wir dafür nicht. Zu notieren ist jedoch, dass in beiden Ressorts, obwohl sie recht viele Artikel produzieren, die Social Sharing-Buttons am vergangenen Freitag recht selten genutzt wurden. Vielleicht sind es in diesen Themen eher die Fachseiten, die verbreitet werden. Oder der Tag war einfach eine Ausnahme.
Ernie und Bert über allem
Zu guter Letzt noch ein Blick auf die einzelnen Artikel. Einige Texte sind offenkundig aufgrund der Tageszeit oder der Platzierung – oder weil einfach das Interesse fehlte – untergegangen. So gibt es Artikel ganz ohne Facebook-Like und mit nur einer Hand voll Tweets, welche größtenteils von Bots erstellt wurden. Richtige Ausreißer gibt es vor allem in Richtung Facebook. Und hier sind es vor allem skurrile Geschichten, allesamt aus dem Panorama-Ressort, die ihr weg ins größte Soziale Netzwerk fanden: Die Texte mit den Titeln „Die Polizei, dein Freund und Sprayer“, „Touristennepp am Kolosseum: Die spinnen, die Römer!“ und „Niederländer baut gigantische Arche“ konnten deutlich mehr Likes als Tweets auf sich ziehen.
Einsamme Spitze ist jedoch der kurze Artikel: „Ernie und Bert dürfen nicht heiraten“, bei dem über 3000 Likes 76 Tweets gegenüberstehen. Dieser Text allein hat den Gesamtschnitt massiv beeinflusst. Einziger nicht skuriller Text, der im Vergleich sehr häufig auf Facebook verrbeitet wurde, ist der Politik-Artikel „Pekings Rüstungspläne alarmieren Washington“, der etwa 12,8 mal häufiger auf Facebook, als auf Twitter empfohlen wurde.
Hier noch unsere Rohdaten (als CSV).
Mitarbeit: Daniel Lücking





2 Kommentare
Katharina
16/05/2012 von 10:58 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Es fehlt das Unispiegel bzw. Schulspiegel-Ressort
Andreas Grieß
16/05/2012 von 12:47 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir das weggelassen, weil nur 1 Text an dem tag dort erschienen war