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Schwangerschaftsabbrüche – ein hitziges Thema in nüchternen Zahlen

Das Thema Schwangerschaftsabbruch ist ein sehr kontroverses Thema, über das in allen politischen, religiösen und gesellschaftlichen Ebenen diskutiert wird. Darf eine Frau über das Leben entscheiden, das in ihr heranwächst? Ab wann kann ein Fötus „Leben“ genannt werden? Und muss man Eltern die Belastung eines behinderten Kindes zumuten, wenn mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik schon vor der Geburt die Krankheit erkannt werden kann? All diese Fragen lösen hitzige Diskussionen aus. Allerdings kann man das Thema „Abtreibung“ auch zuerst mal ganz nüchtern betrachten und Statistiken für sich sprechen lassen. Es folgt ein Zusammenschnitt der interessantesten Aspekte.

Finanzielle Absicherung und Schwangerschaftsabbrüche

Im Durchschnitt hatte jeder deutsche Bundesbürger im Jahr 2008 ein verfügbares Einkommen von rund 19.000 Euro zum Leben zur Verfügung. Doch dies ist wie gesagt ein Durchschnittswert. Er unterliegt im direkten Vergleich der einzelnen Bundesländer deutlichen Schwankungen. So führen Hamburg (23.455 Euro) , Bremen (21.068) und Bayern (20.339) die Statistik an, während Sachsen-Anhalt mit einem verfügbaren Einkommen von 15.192 Euro und Mecklenburg-Vorpommern mit 14.944 Euro das traurige Schlusslicht bilden.

Für unsere Recherche hat uns interessiert, wie und ob eine finanzielle Absicherung – gemessen an dem aufgeführten verfügbaren Einkommen – mit Schwangerschaftsabbrüchen in Verbindung steht. In den reicheren Bundesländern Hamburg und Bremen liegt die Zahl der Abbrüche tatsächlich weit unten. In Bayern hingegen wurden trotz einer im Durchschnitt guten finanziellen Lage der Einwohner insgesamt 11.542 Abbrüche vorgenommen. Nur in Nordrhein-Westfalen wurden im Jahr 2010 mehr Schwangerschaften abgebrochen.

Erstaunlich ist hingegen, dass in Sachsen-Anhalt nur 4.000 Abbrüche vorgenommen wurden. Damit liegt das Bundesland nur knapp hinter dem Wert von Hamburg. Eine weitere Auffälligkeit haben wir in Nordrhein-Westfalen festgestellt. Die Zahl der Abbrüche ist hier im Bundesvergleich mit Abstand am höchsten. Und das trotz eines durchschnittlichen Einkommens von rund 19.800 Euro. Im Jahr 2010 wurden in Nordrhein-Westfalen 22.966 Schwangerschaften abgebrochen – rund das Dreifache des Bundesdurchschnitts.

Grafik: Schwangerschaftsabbrüche 2010 insgesamt nach Bundesland, in dem der Eingriff erfolgte

Abtreibungstourismus in den Bundesländern?

Wenn man Schwangerschaftsabbrüche auf Bundesländer herunterbricht, stellt sich auch die Frage, ob die Frauen in dem Bundesland abtreiben, in dem sie leben. Das Ergebnis ist relativ ausgeglichen, aber einige Schwankungen gibt es: Teilweise treiben die Frauen eben nicht in den Bundesländern ab, in denen sie wohnen; teilweise wohnen sie nicht dort, wo sie abtreiben. Besonders auffällig wird dies am Beispiel von Bremen. Im Jahr 2010 haben 1.599 Bremerinnen abgetrieben. Schauen wir nun auf die Zahl der 2010 tatsächlich in Bremen vorgenommenen Abtreibungen: das sind 2.636. Somit haben 1.037 Frauen in Bremen abgetrieben, obwohl sie dort nicht zu Hause sind.

In Niedersachsen waren es dafür rund 1.000 Abtreibungen weniger als in Niedersachsen wohnende Frauen, die abgetrieben haben. Besonders gering dagegen ist der Ausschlag in Rheinland-Pfalz mit einer Differenz von 20 Abbrüchen. Interessant wird es, wenn man die Abtreibungen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl des jeweiligen Bundeslandes setzt. Bei näherer Betrachtung der Heatmap wird deutlich, dass in Bremen sogar die meisten Abtreibungen vorgenommen wurden – im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Schlüsselt man die Daten noch nach Wohnsitz auf, ist Berlin der absolute Spitzenreiter.

Grafik:Schwangerschaftsabbrüche nach Bundesland des Wohnsitzes der Frauen (Im Verhältnis zur Einwohnerzahl)

Was die Dauer und die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche anbelangt, traten insgesamt in allen Messbereichen Schwankungen auf. In der 32. Schwangerschaftswoche blieben die Zahlen in allen Bundesländern nahezu konstant. Man konnte sehen, dass Frauen am ehesten zwischen den ersten vier Wochen und der elften Woche abtreiben. In allen Bundesländern nahmen sie innerhalb dieses Zeitraums im Durchschnitt 30 Abbrüche vor. Am wenigsten Abbrüche gab es zwischen der 12. und 21. Woche. Sehr oft waren Baden-Württemberg und Bayern sowie die norddeutschen Länder Vorreiter, was auf ein Arme-Reich-Gefälle und Abtreibung aus Geldmangel hinweisen könnte.

Gegen den Trend: Geburtenzuwachs in Berlin

Insgesamt geht die Anzahl der Neugeborenen in Deutschland zurück. Gab es 1999 noch etwa 770.000 Neugeborene, waren es zehn Jahre später nur noch knapp 665.000. Interessant ist jedoch, dass die neuen Bundesländer sogar einen Geburtenzuwachs zu verzeichnen haben. In Berlin wurden beispielsweise rund 2.500 Kinder mehr geboren als noch zehn Jahre zuvor. Bei den Totgeburten lässt sich ein stetiger Rückgang feststellen. Zwischen 1999 und 2009 wurde die Zahl um gut ein Drittel von etwa 3.000 auf rund 2.000 reduziert. Die Bundesländer mit den meisten Totgeburten sind zugleich die Länder mit den meisten Neugeborenen und machen einen Anteil von weniger als ein Prozent aller Schwangerschaften aus.

Internationaler Vergleich: Russland ist Spitzenreiter

Wie sieht es mit Schwangerschaftsabbrüchen im internationalen Vergleich aus? Bei einer Heatmap-Visualisierung der Daten fallen mehrere Länder, positiv wie negativ, auf. 145.000 Abbrüche waren es in Deutschland 1990 – 4,1 Millionen im „Spitzenreiter“ Russland (damals noch die Sowjetunion). Das ist 28 Mal mehr als in Deutschland.

Grafik: Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche im Jahr 1990 weltweit (49 Länder)

Im Jahr 2008 nahmen die Werte sowohl in Deutschland als auch in Russland ab, zurück auf 114.000 und 1,39 Millionen. Trotz des starken Rückgangs in Russland ist die absolute Zahl verglichen mit Deutschland zwölf Mal so groß. Und wer denkt, das sähe im Verhältnis zur Einwohnerzahl anders aus, der irrt.

Die Zahlen von 1996 bis 2005 geben außerdem Aufschluss über den Wert der „Schwangerschaftsabbrüche pro 1.000 Frauen“. Das Ergebnis: Erneut ist Russland alleiniger Spitzenreiter und führt die Rangliste mit 53,7 Schwangerschaftsabbrüche je 1.000 Frauen deutlich vor Deutschland mit 7,8 an. Rund sieben Mal niedriger als Russland, um genau zu sein.

Grafik: Schwangerschaftsabbrüche weltweit je 1000 Frauen

Über die Autoren:
Dieser Beitrag wurde recherchiert und geschrieben von Michaela Brehm, Anna Groos, Daniel Höly, Nico Stockheim, Svenja Trautmann und Jennifer Warzecha. Sie sind alle Online-Journalismus-Studenten an der Hochschule Darmstadt. Weitere Grafiken zur Thematik gibt es auf Juiced.de hier und hier.

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2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. …ein relevantes Thema, und interessant behandelt. Trotzdem eine Kritik zur ersten Graphik: die Zahlen sollten unbedingt ins Verhältnis zur Einwohnerzahl gesetzt werden, ansonsten kann nicht wirklich viel herauslesen (..anders gesagt: es liegt nahe, dass es in Nordrhein-Westfalen die meisten Schwangerschaftsabbrüche gibt, weil dort eben die meisten Deutschen wohnen). Ich habe die Zahlen interessehalber mal selbst mit den Einwohnern der Bundesländer verknüpft (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Land_%28Deutschland%29:

    Land, Abtr./1000 Einwohner (Einwohner/Mio., Abtreibugen)
    Baden-Württemberg: 1.033 (10.745, 11105)
    Bayern: 0.922 (12.51, 11542)
    Berlin: 2.919 (3.443, 10052)
    Brandenburg: 0 (2.512, 0)
    Bremen: 3.981 (0.662, 2636)
    Hamburg: 2.628 (1.774, 4663)
    Hessen: 1.465 (6.062, 8882)
    Mecklenburg-Vorpommern: 1.868 (1.651, 3085)
    Niedersachsen: 1.019 (7.929, 8083)
    Nordrhein-Westfalen: 1.284 (17.873, 22966)
    Rheinland-Pfalz: 1.061 (4.013, 4260)
    Saarland: 1.789 (1.023, 1831)
    Sachsen: 1.449 (4.169, 6043)
    Sachsen-Anhalt: 1.697 (2.356, 4000)
    Schleswig-Holstein: 0 (2.832, 0)
    Thüringen: 1.687 (2.25, 3797)

    Hier sieht man z. B. ganz gut, dass Abtreibungen in Städten üblicher sind, während sie in ländlichen und religiöseren Regionen (Bayern…) eher unterrepräsentiert sind.

    Grüße!
    CG

    Antworten

  2. @CG: Danke dir. Da ich selbst kein Autor des Textes bin, kann ich nur bedingt etwas zu den Motiven sagen und dass am Anfang zu viel mit absoluten Zahlen gearbeitet wird, kritisierten bereits andere. Ein Motiv, was ich für sehr wichtig halte, ist jedoch einmal die absolute Dimension vor Augen zu haben. Zahlen im Verhältnis tauchen ja auch auf und wir wollen hier, auch wenn wir es gerne tun, nicht zehntausende Grafiken in den Raum stellen. Die absoluten Zahlen sind dahingehend interessant, da sie doch sehr hoch sind. Gerade bei einem Thema, bei dem häufig nur von Minderjährigen und Vergewaltigungsopfern geredet wird ist das relevant. Ich persönlich hätte zumindest nicht gedacht, dass so häufig abgetrieben wird.

    Nichtsdestotrotz liegst du natürlich nicht falsch. Danke für deinen Kommentar.

    Antworten

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