
Von Lorenz Matzat erstellte Anwednung auf zeit.de: "Lohnte sich zum Beispiel im Bereich der Suchmaschinenoptimierung". Bild: Screenshot zeit.de
Lorenz Matzat ist einer der bekanntesten deutschen Datenjournalisten. Er betreibt unter anderen das Open Data-Blog auf Zeit.de und verwirklichte bereits verschiedene datenjournalistische Formate. Am Mittwoch war er zu Gast auf der Darmstädter Datenjournalismus-Konferenz „Data Stories“ in deren Rahmen er mir ein kurzes Interview für YOUdaz.com gab.
Du machst Datenjournalismus. Nicht alle nennen das Journalismus. Was entgegnest du diesen Leuten?
Zunächst einmal: Was ist Journalismus? Im weiteren Verständnis geht es um Berichterstattung. Hier ist Datenjournalismus nur ein anderes Format. Als das Radio aufkam, haben auch Zeitungsleute gesagt, dies sei kein Journalismus. Das ist ein klassisches Phänomen. Ich bezeichne das, was wir produzieren, gerne als Datenartikel. Es ist auch ein Artikel, nur nicht in Textform, sondern in Form von Software, von Programmcode.
Musst du Kunden denn gelegentlich erst erklären, was ihr macht? Überhaupt: Wie tretet ihr als Datenjournalisten an eure Abnehmer heran?
Die Beispiele sprechen da mittlerweile für sich, etwa die Darstellung der Vorratsdaten von Malte Spitz auf zeit.de. In der Tat ist es so, dass manche Redaktionen durchaus auf uns zu kommen. So wie im Fall der Vorratsdaten, bereits mit einem Thema. Wir sollen dann Konzepte liefern, wie man die Thematik gut darstellen kann. Oder wir pitchen Ideen.
Kannst du dir erklären, warum Datenjournalismus in Deutschland derzeit eher in aufstrebenden Redaktionen wie taz.de oder Zeit Online passiert und nicht bei den Marktführern?
Schwer zu sagen, ich stecke nicht in den Redaktionen drin. Bei taz.de gibt es generell eine Offenheit gegenüber neuen Formaten. Zeit Online versucht sich als eine Art deutscher Guardian zu etablieren. Bei den anderen Redaktionen gilt häufig der Glaubenssatz „Keine Experimente“. Zudem scheut man dort hohe Innovationskosten. Datenartikel kosten in der Regel schnell mal mehrere tausend Euro. Außerdem sind in Online-Redaktionen leider häufig nicht unbedingt Leute, die „online können“, sondern einfach aus dem Print-Bereich kommen und nicht unbedingt internetaffin sind.
Lohnt sich Datenjournalismus denn finanziell für den einzelnen Journalisten?
Es lohnt sich insofern, dass man als freier Journalist, zumindest im Print-Bereich, selten umfangreiche Projekte machen kann, in denen man sich mal zwei Wochen mit nur einem Thema beschäftigt und sich das finanziert. Für junge Journalisten ist hier noch viel Platz. Gut möglich, dass es in absehbarer Zukunft Stellenausschreibungen geben wird, in denen Datenjournalismus vorkommt.
Und inwiefern lohnt sich der Datenjournalismus für das jeweilige Medium?
Für Zeit Online lohnte sich die Malte Spitz-Geschichte zum Beispiel im Bereich der Suchmaschinenoptimierung. Der Beitrag hat weltweit Links gesammelt, unter anderen hat die New York Times darauf verlinkt. Das ist unbezahlbar. Außerdem kann man sich ein gewisses Renommee aufbauen. Auch das lässt sich nicht einfach kaufen. Diese Effekte würden natürlich zurück gehen, wenn Datenjournalismus-Produkte nun inflationär erscheinen würden. Aber das wird so schnell wohl eher nicht passieren. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass so alle zwei Wochen in Deutschland eine Zeitung etwas gutes Datenjournalistisches veröffentlicht. Themen gibt es genug. Und Online Medien sollten es sowieso machen.
Warum das?
Datenjournalismus kann eigentlich nur online richtig funktionieren. Insofern kann er ein Alleinstellungsmerkmal für den Online-Journalismus sein.
Du sagtest bereits, dass ein Datenartikel alles andere als billig ist. Verstärkt Datenjournalismus dadurch die Schere zwischen großen, finanziell erfolgreichen Online-Angeboten und kleinen, die Probleme haben mitzukommen?
Ich glaube nicht, dass die Schere größer wird, sie wird bleiben. Aber man muss es auch mal von der anderen Seite betrachten: Auch kleine Redaktionen oder Fachmagazine können mit den bestehenden Tools etwas machen, wenn auch vielleicht nicht so technisch ausgefeilt. Vielleicht kann sich die Schere sogar verkleinern durch neue Player, die sich darauf spezialisieren, Datenjournalismus zu betreiben und dadurch den Etablierten sogar Klicks wegnehmen. Man hat ja bereits gesehen, dass Twitter und Facebook als Multiplikatoren solche rasanten Aufstiege ermöglichen.
Zum Abschluss: Gibt es ein Thema, dass du, wenn Zeit und Ressourcen vorhanden wären, gerne mal datenjournalistisch aufarbeiten würdest?
Ein Thema wäre die Rüstungsindustrie und ihre Verzweigungen. Da gibt es viele Graugebiete und die ordentlich zu recherchieren und zu visualisieren, wäre ein gutes und wichtiges Stück Arbeit.





